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zu verhüten. Er hatte bei seiner Reform ohnehin Vorurteile genug zu überwinden, als dafs er ohne Not auch noch den Kampf mit dieser Dummheit hätte aufnehmen sollen. Oder vielmehr, Cäsar hätte diesen Schalttag geradezu erfinden müssen, wenn er ihn nicht vorgefunden hätte: er kam ihm wie gerufen, um dem frommen Publikum die Vortrefflichkeit seiner Kalenderordnung plausibel zu machen ¹). In den letzten Jahrzehnten hatte man einige Male die rechtzeitige Ein- fügung des Schalttags versäumt und dadurch gottloser Weise die nundinae auf den Neujahrstag fallen lassen; jetzt eröffnete der Diktator, indem er den Schalttag zu einer festen Institution erhob, die Aussicht, dies Schrecknis auf ewige Zeiten zu bannen. So erkennt man auch hier wieder„die leichte Hand des grofsen Arztes“ ²), den geborenen Reformator, welcher, wenn sonst im Weltlauf Vernunft Unsinn, Wohlthat Plage wird, es versteht, auch aus Unvernunft Sinn, aus Plage Wohl- that zu machen.
Wenn nun das Jahr V 709 mit dem 7. Wochentage, G ³), begann, so war im Februar V 710 zum ersten Male Veranlassung, den Schalttag einzufügen, damit das Jahr V 711 nicht mit A anfinge. Gerade in dieselbe Zeit fällt das Gesetz des M. Antonius, nach welchem der Quinctilis fortan Julius genannt wurde. Offenbar ist dies Zusammentreffen kein Zufall: mit dem ersten julianischen Schalttage war gleichsam der Schlufsstein des neuen kalendarischen Systems gelegt, und diese Thatsache sollte durch diese Ehrenbezeigung gefeiert werden.
Als Cäsar jenen alten Aberglauben seiner Reform dienstbar machte, hat er wohl gedacht, dafs, wenn früher in 20 Jahren 3 Schalttage erforderlich gewesen waren, die 5, welche man jetzt in 20 Jahren zur Verfügung hatte, sicherlich ausreichen würden, um, neben der Erfüllung ihres Hauptzweckes, auch das A-Neujahr zu verhüten. Allein ein unglücklicher Zufall wollte es anders,— man sucht nicht ungestraft Bundesgenossen im Reiche der Finsternis. Hätte das Jahr V 709 mit irgend einem anderen Tage als mit G begonnen, so hätte man ziemlich lange regelrecht schalten können, ehe man mit dem A-Neujahr in Kollision kam: so aber begann gleich nach Cäsars Tode jener verhängnisvolle circulaus vitiosus BGD, welcher in jedem dritten Jahre den Schalttag erforderte:
711 B, ebenso 714 717 720 723 726 729 732 735 738 741 712 G„ 715 718 721 724 727 730 733 736 739 742 demnach Schaltjahre: 713 D„ 716 719 722 725 728 731 734 737 740 743
Vergebens schrieb der gelehrte Sosigenes eine Abhandlung über die andere 4), um die vier- jährige Schaltung durchzusetzen; hier war für die armen Pontifices kein Entrinnen. Entweder muſsten sie die nundinae auf den Neujahrstag bringen oder irgend einem 365tägigen Jahr einen Tag wegnehmen, und beides wollten oder durften sie nicht. So machten sie schliefslich aus der Not eine Tugend und behaupteten, ganz richtig quarto quoque anno, nämlich quarto incipiente zu schalten. Der Knoten war überhaupt nicht zu lösen, er konnte nur durchhauen werden.
Dazu entschloſs sich endlich Augustus. Nachdem er V 742(12 v. Chr.) Pontifee maæximus geworden war, liels er V 743 noch die Schaltung in bisheriger Weise eintreten(wodurch man eine durch 4 teilbare Zahl julianischer Schaltjahre erhielt). Dann stand man V 745 wieder vor der Frage, ob V 746 Schaltjahr werden solle, um zu verhüten, dals V 747 mit A anfange. Da griff Augustus ein, machte diesem Neujahrs-Jammer ein Ende und verordnete, dafs von den 12 Schalttagen der ver- flossenen 36 ersten julianischen Jahre(V 709— 744) die 3, welche zu viel eingeschaltet waren, da- durch wieder eingebracht wurden, dafs die folgenden 12 Jahre(V 745— 756) ohne Schaltung abliefen. Mithin war nicht V 761, sondern schon V 757(4 n. Chr.) das erste Schaltjahr des neuen Systems.
¹) Eben deswegen gab Cäsar auch seinem Schalttag dieselbe Stelle im Februar, welche der alte ge- habt hatte(s. oben S. 3). Dafs im Schaltjahr-Februar der 24. und 25. dasselbe Datum, a. d. VI. Cal. Mart., führen, wird mithin auch nicht eine Neuerung Cäsars, sondern im alten Kalender ebenso gewesen sein. Von diesen beiden Tagen ist auch im julianischen Kalender ursprünglich der erste als der Schalttag be- trachtet worden, was seiner Entstehung gemäls ganz richtig; erst später, als man diese vergessen hatte, nahm man den zweiten dafür, indem man ihn fr den Doppelgänger des ersten ansah.
²) Mommsen, Chronol. S. 278, mit Beziehung auf andere Punkte der Kalenderreform.
¹) Nach der Bezeichnungsweise Mommsens, wobei die nundinae A genannt werden. Huschkes An- sicht(S. 291), daſs dies unzulässig sei, ist nur ihrer unfreiwilligen Komik halber erwähnenswert.
⁴) Drei sind bezeugt, Plin. N. H. XVIII, 57.


