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Ergebniſſe der Naturwiſſenſchaft mit Nutzen auf ſeinen Beruf anwenden wlll, naturwiſſen⸗ ſchaftliche Kenntniſſe und mehr noch eine naturwiſſenſchaftlich ausgebildete Urtheilsfähig⸗ keit beſitzen, ohne welche er Gefahr läuft, durch die Anwendung der Wiſſenſchaft auf die Praxis mehr Schaden als Nutzen zu ſtiften. Früher ſchien es zu genügen, wenn ihm gewiſſe durch wiſſenſchaftliche Unterſuchung gefundene Regeln für die Behandlung der Pflanzen mit⸗ gegeben, für jede Pflanzen⸗ und Bodenart ein beſtimmter Dünger u. ſ. w. vorgeſchrieben wurde. Jetzt wiſſen wir, daß ſolche Recepte, unrichtig angewandt, großen Nachtheil im Gefolge haben können, und daß die Hauptſchwierigkeit in der richtigen Erkenntniß der gegebenen Be⸗ dingungen beruht, unter denen dieſes oder jenes Mittel angewandt werden ſoll; daß daher, wer Ackerbau nach rationellen Grundſätzen treiben will, in naturwiſſenſchaftlicher Be⸗ obachtung geübt ſein muß, um die Natur der zu bauenden Pflanze, des gegebenen Stand⸗ ortes, Bodens u. ſ. w. richtig zu erkennen und zu beurtheilen und darnach ſeine Maßregeln zu treffen. In richtiger Erkenntniß dieſer Schwierigkeit und in richtiger Selbſterkenntniß haben daher auch die landwirthſchaftlichen Praktiker ſeit jeher jenen Recepten mißtrauiſch genug gegenüber geſtanden.
In der That iſt nur zweierlei richtig. Entweder man ſucht die Vortheile, welche die Ergebniſſe der Naturwiſſenſchaft bieten,— dann muß man die Naturwiſſenſchaft auch mit in den Kauf nehmen,— oder man läßt die Naturwiſſenſchaft links liegen, und iſt reiner Prak⸗ tiker; dann aber muß man im Weſentlichen beim Alten bleiben und auch die Hand davon laſſen, ihre Regeln anzuwenden, ohne zu wiſſen warum. Dabei fragt ſich nur, wie lange der letztere Standpunkt noch haltbar iſt. Die 30—50 Jahre, welche die Menſchen, die jetzt Schulknaben ſind, noch leben werden, ſind für unſere Verhältniſſe ein ungeheurer Zeitraum, in welchem, nach dem jetzigen Weltlauf zu ſchließen, die rieſigſten Fortſchritte mit Sicherheit zu erwarten ſind. Wer die nicht mitmachen kann, geht in unſerer Zeit zu Grunde.
Das iſt alſo einer unſerer Standpunkte. Wir wollen unſeren Schülern als Baſis ihrer landwirthſchaftlichen Bildung eine gute naturwiſſenſchaftliche Bildung geben. Leicht iſt das freilich nicht. In der Naturwiſſenſchaft iſt, mehr als anderwärts, noch Vieles, ja das für uns Weſentlichſte, wie Pflanzenphyſiologie, Agriculturchemie, Meteorologie, noch ſehr im Werden. Wir in der Schule wollen jedoch die Schüler nicht mit Hypotheſen überſchütten, ſondern ſie mit dem klar feſtſtehenden Beſtande der Naturwiſſenſchaften ausrüſten, damit ſie im Stande ſind, das ſpäter an ſie herantretende Neue, das, wie geſagt, ſicher maſſenhaft kommt, zu beurtheilen und zu verwerthen.
Ein zweites iſt Folgendes. Man hält, wenn man auch das eben über die Natur⸗ wiſſenſchaften Geſagte zugiebt, dennoch den Landwirthſchaftsſchulen entgegen, daß man die eigentliche Landwirthſchaft doch nur aus der Praxis lernen könne. Nichts iſt an ſich richtiger als dieſer Satz, nichts aber verkehrter, als wenn er ein Einwurf gegen die Landwirthſchafts⸗ ſchulen ſein ſoll. Man lernt überhaupt keine praktiſche Thätigkeit auf einer Schule: ſogar die Univerſität bildet zunächſt Theologen, nicht Prediger; Juriſten, nicht Richter oder Anwälte; Mediciner, nicht Aerzte; Gelehrte, nicht Lehrer;— und ſo iſt in allen Brauchen zu praktiſcher Tüchtigkeit jedenfalls praktiſche Uebung erforderlich. Aber eben nicht Uebung allein, ſondern auch ſchulmäßige Vorbildung: die Schule muß befähigen, die Praris mit offenen Augen anzu⸗ ſehen—, zu wiſſen, worauf man ſeine Beobachtung zu richten hat. Schule und Praxis ſind wie Kopf und Hand: es geht ohne Kopf nicht, und es geht ohne Hand nicht; der Kopf muß die Hand leiten, die Hand geſchickt ſein, die Gedanken des Kopfes ins Werk zu ſetzen.
Die übrigen Stände haben in der That dieſen Gedanken längſt ausgeführt. Seit Jahrhunderten giebt es altſprachliche Fachſchulen für den künftigen ſtudirten Beamten(die Gymnaſien); dann gründete man neuſprachliche Fachſchulen(die Realſchulen I. O.) für den künftigen Kaufmann, der immer mehr in den internationalen Verkehr gezogen wurde; mit dem zunehmenden Maſchinenweſen wurden mathematiſche Fachſchulen für kunftige Induſtrielle noth⸗ wendig, die höheren Gewerbeſchulen; zuletzt gekommen iſt die naturwiſſenſchaftliche Fachſchule für die Landwirthe, eben die Landwirthſchaftsſchule nach dem Reglement von 1875.


