Aufsatz 
Rede zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 10. Oktober 1877
Entstehung
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Das kleine Werk, welches ich mir die Freiheit nehme Ihnen zu widmen, ich weiß kaum, ob ein Theil davon mir als Eigenthum angehört; wenn ich die Einleitung leſe, die Sie vor 42 Jahren zu J. Ingenhouß Schriftüber die Ernährung der Pflanzen gegeben haben, ſo ſcheint es mir immer, als ob ich eigentlich nur die Anſichten weiter ausgeführt und zu beweiſen geſucht hätte, welche der warme, immer treue Freund von Allem, was wahr, ſchön und erhaben iſt, welche der Alles belebende, thätigſte Naturforſcher dieſes Jahrhunderts darin ausgeſprochen und begründet hat.

Und dann von ſich ſelbſt in der Vorrede zur 7. Auflage(1862):

Ich hatte Gelegenheit genug die Hinderniſſe kennen zu lernen, die ſich dem Ueber⸗ gange wiſſenſchaftlicher Lehre in das Gebiet der praktiſchen Landwirthſchaft entgegenſtellen.

Der Grund lag weſentlich darin, daß zwiſchen der Praxis und der Wiſſenſchaft keine Verbindung hergeſtellt war.

Unter den Landwirthen hatte ziemlich allgemein das Vorurtheil Wurzel gefaßt, daß zu ihrem Betriebe eine niedrigere Bildungsſtufe ausreichend ſei als die, welche andere Induſtrielle bedürfen, ja daß der Landwirth ſeine praktiſche Befähigung durch Nachdenken und dadurch gefährde, wenn er ſich aneigne, was die Wiſſenſchaft zu ſeinem Beſten erworbe habe und ihm zur Verfügung ſtelle; was ihr Denkvermögen in Anſpruch nahm, wurde als Theorie angeſehen, die als der gerade Gegenſatz der Praxis gering geſchätzt oder nicht beachtet wurde. Thatſache war, daß die wiſſenſchaftliche Lehre oder Theorie dem praktiſchen Manne, ſobald er verſuchte ſie anzuwenden, häufig nur Schaden brachte; was er anfing, kam oft genug verkehrt heraus; er wußte nicht, daß ihre richtige Auwendung den Menſchen nicht von ſelbſt zufällt, und daß ſie ähnlich wie die geſchickte Handhabung eines zuſammengeſetzten Werkzeuges erlernt werden müſſe.

Niemand wird es aber für gleichgiltig halten, ob die Vorſtellungen, welche einen Mann in ſeinem Betriebe leiten, und die ſeine Handlungen beſtimmen, richtig oder falſch ſind.

Bei dem Mangel an allem Verſtändniß ſah die Praris in den richtigen Begriffen, welche ihr die Wiſſenſchaft in die Hand gab, in der Erläuterung der Vorgänge des Wachsthums der Pflanzen und des Antheils, welche der Boden, die Luft, die Bearbeitung und Düngung daran hat, kein Mittel zu Verbeſſerungen; indem die Landwirthe den Zuſammenhang der wiſſen⸗ ſchaftlichen Lehre mit den Erſcheinungen, die der Betrieb ihnen darbot, nicht aufzufinden ver⸗ mochten, kamen ſie von ihrem Standpunkte aus zu der Folgerung, daß überhaupt kein Zuſam⸗ hang zwiſchen beiden beſtehe.

Der praktiſche Landwirth ließ ſich von gewiſſen in ſeiner Gegend ſeit lange ſchon beobachteten und überlieferten Thatſachen leiten oder auch, wenn er ſich zu allgemeinen Anſichten erhob, von gewiſſen Autoritäten, deren Syſtem der Bewirthſchaftung als Muſter galt. Von einer Prüfung dieſer Syſteme konnte keine Rede ſein, denn einen Maßſtab dazu hatte man nicht.

Unter der Herrſchaft der Tradition und des Autoritätsglaubens verzichtete der praktiſche Mann auf das Vermoͤgen die Thatſachen richtig aufzufaſſen, die ihm täglich vor Augen kamen, und er wußte zuletzt nicht mehr ſie von bloßen Meinungen zu unterſcheiden.

Um Mißverſtändniſſe dieſer Art erhob ſich nun ein langer Streit; der praktiſche Mann begriff die wiſſenſchaftlichen Forderungen nicht, und er glaubte ſeine überlieferten Anſichten ver⸗ theidigen zu müſſen; ſein Streit war nicht gegen die wiſſenſchaftlichen Grundſätze, die er gar nicht verſtand, ſondern gegen die eigenen falſchen Auffaſſungen gerichtet, die er ſich davon gemacht hatte.

Bevor dieſer Streit zum Austrag kommt, und die Landwirthe ſelbſt Schiedsrichter ſind, kann eine wirkſame Hilfe von Seiten der Wiſſenſchaft kaum erwartet werden, und ich bin in der That zweifelhaft darüber, ob dieſe Zeit jetzt ſchon gekommen iſt. Ich ſetze aber meine Hoffnung auf die junge Generation, die mit einer ganz anderen Vorbereitung als ihre Väter in die Praxis tritt.

Der kurze Sinn hiervon iſt: Liebig verlangt für den Landwirth eine naturwiſſen⸗ ſchaftliche Vorbildung.

Wer koͤnnte gegenwärtig noch ein tüchtiger Ingenieur, Baumeiſter oder dgl. ſein, der nicht ein tüchtiger Mathematiker wäre? Ebenſo muß heutigen Tages der Landwirth, der die

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