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Das Auftreten Liebigs im Jahre 1840 gab der praktiſchen Erfahrung in der Land⸗ wirthſchaft die Naturwiſſenſchaft zur Bundesgenoſſin. Beide nutzten einander lange Zeit wenig, weil ſie einander nicht verſtanden; ja, aus Mißverſtändniß führten ſie zeitweiſe Krieg mit ein⸗ ander. Jetzt iſt die Pädagogik als dritte im Bunde hinzugekommen;— hoffen wir von dieſer geduldigen Dolmetſcherin eine baldige Verſtändigung.
Sie hat ja Verwandtes mit Beiden. Oft und viel iſt ja die Thätigkeit des Lehrers mit der des Ackersmannes verglichen worden. Bekannt iſt Ihnen— und damit will ich mich zum Schluß ſpeciell an Sie, mein neuer Herr College Schmidt, wenden, den ich heute zugleich in ein neues Amt einzuführen habe,— bekannt iſt Ihnen das Gleichniß vom Säemann und vielerlei Acker.„Siehe, es ging ein Säemann aus zu ſäen. Und es begab ſich, indem er ſäete, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel unter dem Himmel und fraßen es auf. Etliches fiel in das Steinige, da es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, darum, daß es nicht tiefe Erde hatte; da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und dieweil es nicht Wurzel hatte, verdorrete es. Und etliches fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchſen empor und erſtickten es, und es brachte keine Frucht. Und etliches fiel auf ein gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs; und etliches trug dreißigfältig, und etliches ſechzigfältig und etliches hundertfältig.“ Geſtatten Sie mir zu dem Gleichniß für uns eine Ergänzung zu machen. So wie es da ſteht, paßt es wohl für Prediger, Volksredner und Schriftſteller, aber nicht für Lehrer. Wir können uns nicht dabei beruhigen zu ſagen: ja, die Vögel fraßen den Samen auf, oder, die Sonne verſengte die jungen Halme, oder, die Dornen erſtickten ſie; auch können, ſollen und wollen wir uns nicht bloß„gutes Land“ ausſuchen. Ein Lehrer iſt nicht bloß Säemann, ſondern ein vollſtändiger Ackersmann des geiſtigen Feldes, und wenn er dies recht ſein will, ſo muß er auf ſeinem Gebiete das ſein, was der rationelle, naturwiſſenſchaftlich gebildete Land⸗ wirth auf ſeiner Ackerflur iſt. Wir haben nicht bloß zu ſäen: wir haben vorher unſeren Boden, den Geiſt der Schüler, zu ſtudiren, ihn zu bearbeiten und dem hineingeſtreuten Samen die rechte Nahrung zu bieten, wir haben Schädliches fern zu halten und Unkraut zu jäten. Nur wenn wir dies alles thun, dann können wir, ſo weit menſchliche Berechnung reicht, gute Früchte er⸗ warten. In dieſem Sinne fordere ich Sie, mein neuer Herr College, auf, mit uns in dieſem ſchönen, neuen Gebäude zuſammen zu wirken. Ein großer Landwirth hat geſagt, daß jeder ein wahrer Wohlthäter der Menſchheit ſei, welcher macht, daß 2 Halme da wachſen, wo vorher nur einer wuchs. Unſer Geſchäft iſt das nicht; aber unſer Geſchäft iſt es, Leute auszubilden, die das machen. Wünſchen wir, daß, wenn wir über 49 Jahre unſern fünfzigſten, wie heute unſern erſten Geburtstag feiern, recht viele ſolche als Schüler von uns in dieſer ganzen ſchönen Provinz ſich finden..
Mit dieſen Vorſätzen, mit dieſen Wünſchen, mit dieſen Hoffnungen wollen wir dies Haus heute einweihen, daß es werde und bleibe eine Stätte echter Wiſſenſchaft und treuer, tüchtiger Arbeit, zum Heile unſerer Landwirthſchaft, und an ſeinem. Theile auch zum Segen unſeres allgeliebten deutſchen Vaterlandes.


