Aufsatz 
Rede zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 10. Oktober 1877
Entstehung
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Complicirten, planmäßig und ſtufenweiſe, bedacht vor allem auf Feſtigung der nur zu oft ver⸗ nachläſſigten elementaren Grundlagen und auf den großen Satz Non scholae, sed vitae,nicht für die Schule, ſondern fürs Leben, ohne Ueberlaſtung durch Ueberflüſſiges und ohne Zerſplit⸗ terung durch zu vielerlei zugleich, ſie ihrem Ziele entgegen zu führen ſucht.. So iſt nun unſere Schule feſt gegründet nach außen und nach innen. Wenn wir aber, meine Herren Collegen, meine lieben Schuͤler, uns ſchon an dem heutigen ſo zu ſagen erſten Geburtstage unſerer Schule ſo weit ſehen, wie wir es vor einem Jahre kaum haben hoffen können, ſo müſſen wir uns gerade heute auch ins Bewußtſein zurückrufen, daß nur der kleinſte Theil des Erreichten unſer Verdienſt iſt, daß wir allein ohnmächtig geweſen wären, ſo weit zu gelan⸗ gen. Die Geſchichte des landwirthſchaftlichen Unterrichtsweſens, eine ſo kurze Spanne Zeit ſie

umfaßt, zeigt, daß Viele vor uns, beſſere Männer wie wir, voran die Koryphäen der Landwirth⸗

ſchaft, die Sie auf jenem Bilde dort, welches der Aehrenkranz ſchmückt⸗), vereinigt ſehen, Gleiches erſtrebt haben: aber kraftlos haben ſie oft ihre ſtärkeren Arme ſinken laſſen müſſen vor den ungeheuren Schwierigkeiten, denen ſie, die Bahnbrecher, ſich gegenüber befanden. Wir müſſen uns vor Allem geſtehen, daß wir es unendlich viel leichter gehabt haben als ſie. Im October des Jahres 1806 eröffnete Thaer, der große Reformator der deutſchen Landwirthſchaft, der die oberſte Stelle auf jenem Bilde einnimmt, ſein Inſtitut zu Möglin in der Mark Brandenburg, die erſte landwirthſchaftliche Lehranſtalt in Deutſchland, mit drei Zöglingen; beinahe 70 Jahre hat es ſeitdem gedauert, bis das landwirthſchaftliche Unterrichtsweſen Deutſchlands, d. h. zugleich Europas, in dem von uns befolgten Reglement nebſt Lehrplan und Prüfungsordnung ſeine erſte amtliche Organiſation erhalten hat, welche es von der unſicheren, ungleichmäßigen und oft für den Landwirth höchſt unzweckmäßigen Vorbildung durch andere höhere Lehranſtalten unabhängig ſtellt, indem es den Schülern mit der landwirthſchaftlichen Fachbildung zugleich eine tüchtige all⸗ gemeine Bildung nebſt den daran geknüpften ſtaatlichen Berechtigungen ſichert. Dazu aber kommt nun noch die verſtändnißvolle Unterſtützung, die wir von den verſchiedenſten Seiten gefunden haben. Dasſelbe erſte Programm der Anſtalt, in welchem ich dem Publicum eine Darſtellun

unſerer Organiſation vorzulegen die Ehre gehabt habe, enthält in ſeinem Jahresbericht faſt auf jeder Seite Dankſagungen an die hohen Behörden oder an einzelne um uns verdiente Männer, und wir würden unſeren heutigen Feſttag nicht richtig feiern, wenn wir nicht auch heute, vor dieſer hochanſehnlichen Verſammlung, unſerer Dankbarkeit gegen unſere Gönner und Förderer Ausdruck gäben. Groß iſt ihre Zahl. Zunächſt dies ſchöne Gebäude ſelbſt, deſſen Einweihung wir feiern, iſt ein ragendes Denkmal der Liberalität Sr. Hoheit des Herzogs Adolf von Naſſau, welcher dasſelbe der Stadt Weilburg für die Schule eingeräumt hat; dem hohen Eigenthümer, ſowie der herzoglichen Verwaltung, welche die ſchöne Einrichtung des Gebäudes, wie Sie ſie vor ſich ſehen, größtentheils hat herſtellen laſſen, gebührt am heutigen Tage unſer erſter Dank. In dieſen aber muß vor Allem auch der Mann mit eingeſchloſſen werden, der die ſpecielle Ausfüh⸗ rung der Herſtellungsarbeiten entworfen und geleitet hat: Herr Schloßinſpeetor Janotha. Jeder, welcher dies Gebäude in ſeinem früheren Zuſtande gekannt hat, muß ſagen, daß es kaum möglich ſchien, aus demſelben ein ſo ſchönes Schulhaus zu machen, wie es geworden iſt. In der That iſt dies nur möglich geweſen durch eine ſo planvolle, unermüdliche und aufopfernde Thätig⸗ keit, wie ſie Herr Schloßinſpector Janotha das ganze Jahr hindurch entwickelt hat. Er wolle auch von dieſer Stelle aus freundlich die Verſicherung entgegen nehmen, daß ihm die Schule dafür, ſo lange ſie beſteht, das dankbarſte Andenken bewahren wird. Ferner hat das Köoͤnigliche Miniſterium für die landwirthſchaftlichen Angelegenheiten, welches uns ſchon vor Beginn unſeres Schuljahres durch Zuweiſung des ganzen Hofgeisberger Inventars ſo reich, wie Sie hier ſehen,

*) Anm. In der Aula der Anſtalt hängt ein Bild, welches die Porträts von folgenden 13 Männern enthält:.

Burger, A. Thaer, v. Schwerz, v. Weckherlin, v. Pabſt, v. Babo, A. v. Humboldt, v. Fellenberg, Schleiden, Stöckhardt, Lucas, J. v. Liebig, Schulze.