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lande fruchtbar und ergiebig in dieser Beziehung. So habe ich mich gern der Arbeit unterzogen, Beiträge zur Geschichte von Oberlahnstein zu bringen, um zu zeigen, wie auch die Geschichte eines kleinen, an und für sich wenig bedeutenden Ortes manches bietet, was sich im Geschichtsunterricht mit gutem Erfolg verwenden lässt.
Es kann natürlich nur von Beiträgen die Rede sein; denn eine abgeschlossene Ge- schichte der Stadt und namentlich des Zolles zu schreiben, dafür gehört mehr Zeit und Raum, als mir zur Verfügung steht. Abgesehen von anderen Archivalien, die in alle möglichen Städte zerstreut oder gar in Privatbesitz übergegangen sind, bemerke ich, dass die im Würzburger Archiv hinterlegten Mainzer Kopialbücher allein 199 Bände umfassen, welche der Geschichtschreiber des Lahnsteiner Zolles einsehen müsste(libri registri literarum ecclesiae Moguntinae in 7 Bänden, darunter namentlich das sogenannte Mainzer Buch, die Lehensbücher in 80 Bänden, die sogenannten Ingrossaturbücher in 112 Bänden.) Es existiert fast kein Band der erwähnten drei Bücherserien, in dem nicht Urkunden über den vom Kaiser und Reich dem Mainzer Erzstifte verliehenen Zoll und die Zollstätte zu Lahnstein enthalten sind.
Wann Oberlahnstein gegründet worden ist, hüllt sich in Dunkel, bei den Regesten wird die erste urkundliche Erwähnung näher besprochen werden. Es unterliegt aber wohl keinem Zweifel, dass der Platz in vorrömischer und römischer Zeit schon von Bedeutung war, die Zunge zwischen Rhein und Lahn war wichtig. Wie man aus den bei Erweiterung des Hafens zu Tage gekommenen Uferbauten ersehen konnte, war der Lauf des Rheines mehr nach Osten gerichtet, die Mündung der Lalin infolgedessen auch mehr östlich, sodass wohl die Johanniskirche(vielleicht eine altgermanische Kultstätte!) auf einer ehemaligen Insel liegt. Die Ausgrabungen bei Horchheim(einige Gefässe befinden sich in der Samm- lung des Lahnsteiner Altertumsvereins) zeigen nach Koenen(Rhenus I) griechischen Einfluss, es wäre also wohl die rechtsrheinische Verbindungsstrasse mit dem Süden(Massilia) über Oberlahnstein gegangen. Die bei Braubach gemachten römischen Ausgrabungen beweisen auch, dass dort eine Seitenstrasse von dem ziemlich weit nach Westen vorstossenden limes mündete und sich dann über Lahnstein fortsetzte; nach einer Urkunde aus dem Jahr 1600 wird die Chaussee als„hohe Strasse“ bezeichnet. Durch Lahnstein geht heute noch von Süden nach Norden die„Hochstrasse“, früher auch„Römerstrasse“ genannt. Diese Be- zeichnungen lassen die Annahme einer römischen Heerstrasse als zweifellos erscheinen. Wie bei manchen rheinischen Städten ist mir auch bei Oberlahnstein die Nachahmung des römischen castrum aufgefallen: die mit Mauer und Wall umgebene Altstadt bildet ein längliches Viereck, ein Thor(overporte) war im Süden, ein zweites(nider= oder Michels- porte) im Norden, ein drittes(vieporte) im Osten, ein viertes(rinporte) im Westen. An der nach Norden führenden Hauptstrasse lagen dann natürlich auch die wichtigsten Gebäude, so das an Stelle des praetorium tretende Rathaus. Nördlich von der Stadt nach dem Hafen und der Lahn zu dehnte sich ein weites Gräberfeld aus, fränkische Gefässe, Schmuck- gegenstände, Waffen, sowie Schädel und Gebeine wurden ausgegraben. und sind die Fund- stücke teils dem Wiesbadener Museum, teils der Sammlung des Lahnsteiner Altertumsvereins einverleibt. Weitere Ausgrabungen, die geplant waren, mussten wegen der Nähe des Eisenbahnstranges unterbleiben. Mir wurde von glaubwürdiger Seite versichert, dass auch bei der oberhalb Lahnsteins gelegenen Wenzelskapelle ähnliche Gräberfunde gemacht worden seien, allein es gelang mir trotz aller Bemühungen nicht, die Spur weiter zu verfolgen. Für den Forscher bietet schon der Boden genug!
Dass auch in späterer Zeit Oberlahnstein Bedeutung hatte, lag einmal in der günstigen geographischen Lage, da hier die Gebiete der vier rheinischen Kurfürsten zusammen- stiessen: Braubach gehörte zur Kurpfalz, Rhense mit dem Königstuhl zu Kurköln, Capellen- Stolzenfels und Niederlahnstein zu Kurtrier, Oberlahnstein endlich zu Kurmainz. Dazu kam noch, dass der später eingehend zu besprechende Zoll für Mainz hierher verlegt wurde, wodurch der Ort hohe Bedeutung gewann. Es befand sich in Oberlahnstein sogar eine


