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Unterricht gestellt werden muſs. Je mehr Anknüpfungspunkte der Stoff im Schüler findet, um so mehr entspricht er dem Zwecke, denn um so grösser ist die Möglichkeit, zum Denken in der fremden Sprache anzuleiten. Es gehört eben zu diesem Denken vor allem ein Inhalt, über den man denkt, und wenn man den im Schüler liegenden Gedankeninhalt überspringt und die neue Form zu früh an neuen Sachen zeigt, so ist die natürliche Folge, daſs Inhalt und Form sich nicht vermählen, so wird dem Denken in der fremden Sprache von vornherein ein Hindernis in den Weg gelegt; nicht zu gedenken des Falles, daſs der Sprachstoff inhaltsleer ist, wodurch die Verbindung zwischen Inhalt und Form einfach unmõglich gemacht wird. Möxglichkeit, Interesse zu erwecken, das ist also auch der Prüfstein für das fremdsprachliche Lesestück. Damit ist aber noch nicht alles gesagt.
Nicht nur auf die Beschaffenheit der einzelnen Stücke, sondern auch auf den Zusammen- hang der Stücke untereinander ist der grölste Wert zu legen. Nicht nur zwischen Einzel- sätzen, sondern auch zwischen Lesestücken ist Zusammenhangslosigkeit mõglich und schädlich. Es genügt nicht, daſs sich das Lesestück an sich über den Einzelsatz in der Grammatik erhebt; wenn seine Verbindung mit Vorhergehendem und Folgendem nicht eng und natürlich ist, so liegt es nahe, einen ähnlichen Vorwurf zu erheben, wie ihn das Verhältnis oder vielmehr das Fehlen des Verhältnisses zwischen den Einzelsätzen naturgemäſs hervorgerufen hat. Das recht gewählte Lesestück läſst eine Saite im Schüler erklingen, der aus grammatischen Rücksichten aufgestellte Satz läſst ihn kalt; aber es hiesse auf halbem Wege stehen bleiben, wollte man nicht verlangen, daſs das folgende Lesestück die angeschlagene Saite weiter erklingen lasse, daſs die Zusammenstellung den Miſsklang vermeide, der entsteht, wenn zwei unverwandte Tone neben einander erklingen. Wie Glied an Glied zur Kette, so müssen sich die Lesestücke zu Gruppen vereinigen, auf daſs ihr Inhalt klare und deutliche Vorstellungsreihen in dem Schüler erzeuge, die zugleich beleuchtet werden von dem Lichte, das aus anderen Unterrichts- stunden auf sie fällt. Nach und nach wird die äussere Scheidung zwischen den Stücken auf- hören, und an Stelle der Gruppe tritt das auch äusserlich ein Ganzes bildende grössere Lese- stück. Je weiter auf diese Weise die Einkleidung des vorhandenen Gedankeninhaltes in das fremde Gewand vorschreitet, um so lockerer wird die Fühlung des Sprachstoffes mit dem Sachunterricht der anderen Fächer werden können, der Sprachunterricht wird auf der oberen Stufe Sachunterricht noch in besonderem Sinne, indem er sich an immer selbständigere Stoffe anlehnt. Diese haben zwar nicht aufgehôrt, mit den anderen Unterrichtsgegenständen zusammen- zuhängen, aber das Band, welches sie unter einander verbindet, ist nicht so leicht mehr sichtbar, die Beziehungen werden immer innerlicher.
So gipfelt der Sprachstoff schlieſslich in der fremdsprachlichen Litteratur im engeren Sinne; und der Unterricht auf der obersten Stufe wird um so fruchtbringender sein, je mehr der Schüler auf den vorhergehenden Stufen befähigt worden ist, zu schauen, in den Inhalt ein- zudringen, sich von ihm durchglühen zu lassen. Je hôher diese Glut, um so leichter wird die Verschmelzung zwischen Inhalt und Form vor sich gehen. Es gilt, den Schüler von der Auſseren— unmittelbaren und mittelbaren— Anschauung zur inneren zu führen. Eine gerad- linige Fortsetzung könnten die auf der äusseren Anschauung beruhenden Ubungen vielleicht in besonderen Konversationsstunden finden, in denen der Blick der Schüler aus der näheren Umgebung in die weitere gelenkt würde. So könnte sich aus dem, was ursprünglich der Hauptgegenstand des Unterrichts war, ein besonderer Unterrichtszweig entwickeln. Als
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