Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
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19.

Meinungen auszutauschen, ehe man sich über Einzelheiten auseinandersetzt. Und der Meinungs- austausch über diese Punkte muſs seinerseits ausgehen von der Frage nach dem Ziele. Wie ich darzulegen versucht habe, ist für die zwei Antworten, die auf die Frage nach dem Ziele möglich sind, der Hauptgesichtspunkt für die Erlernung derselbe, weil eben das eine, das formelle Ziel, das andere, das praktische, zur Voraussetzung hat.

Der stete Hinblick auf das Ziel, auf die Hauptfragen, wird sein Teil dazu beitragen, dem zur Zeit so verschieden, ja gegensätzlich gestalteten Bilde des Sprachunterrichtes eine mehr und mehr einheitliche Gestalt auf2zuprägen. Im Verlangen nach diesem TZiele sind die vorliegenden anspruchslosen Zeilen geschrieben, deren Zweck reichlich erfüllt wäre, wenn sie vermõchten, ein kleines Scherflein zur Einigung beizutragen. Mir schwebt eine Zeit vor, da die Kräfte, die sich noch in dem notwendigen, naturgewollten Kampfe zersplittern, sich ver- einigen zu gemeinsamer Arbeit. Diese Zeit wird und muſs kommen. Kämpfen doch alle, die auf dem Plane sind, in dem Dienste eines und desselben Herren. Mogen die Meinungen über Einzelheiten, mögen selbst die Meinungen über das Ziel des Sprachunterrichtes auch auseinander gehen, über das letzte Ziel giebt es nur eine Meinung, und unbestritten leuchtet über dem Kampfe die Förderung der uns anvertrauten Jugend. Noch sind für das in betracht kommende Gebiet die Wege verschieden, auf welchen nach diesem Ziele gewandert wird. aber das Ziel selbst ist so über jeden Zweifel, über jede Meinungsverschiedenheit erhaben, daſs diese Wege schlieſslich in einen Hauptweg zusammenlaufen werden. Möchte das Bewuſst- sein dieser Einstimmigkeit in dem Hauptpunkte alle durchdringen hüben und drüben, môchte diese Zusammengehôrigkeit bei keinem Worte vergessen werden, das über dieMethode ge- sprochen oder geschrieben wird. Es handelt sich nicht um einen Kampf um verschiedene Güter, das Gut, um das gekämpft wird, einigt. Im Bewulstsein dieser Einigung hôre der eine die Meinung des andern, und vor allem öffne jeder freudig Herz und Sinn den Stimmen, welche Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Unterrichte mitteilen. Nicht daſs diese oder jene, nicht daſseine Methode siege, sondern daſsdie Methode zur Herrschaft in unseren Schulen gelange, die den Sprachunterricht am fruchtbarsten und segensreichsten für unsere Jugend gestaltet, darum handelt es sich, das ist das Ziel, das uns alle bindet*).

*) Diese Abhandlung ist in etwas veränderter Gestalt im I. Hefte des VI. Bandes der Phonetischen Studien (herausgegeben von W. Vielor bei Elwert in Marburg) erschienen.