Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
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13.

stände den Schülern in das Gewand der fremden Sprache zu kleiden. Je bekannter und geläufiger der Stoff ist, um so gröſser ist das Verlangen, ihn im neuen Gewande kennen zu lernen, und um so mehr kann sich zu gleicher Zeit die Thätigkeit des Schülers der Form zuwenden. Mit vollem Rechte heben Vietor und Dôrr im Vorworte zu dem Eng- lischen Lesebuche(Seite VII) hervor, daſs es dem fremdsprachlichen Unterrichte besonders in seinen Anfängen wohl gestattet sein mag, Stoffe vorzuführen, welche inhaltlich recht leicht zu bewältigen sind, damit das Interesse sich desto mehr auf Form und Sprache richten lasse. Ich môchte für die Wortewohl gestattet sogargeboten einsetzen. Die nächste Umgebung, das sachlich dem Schüler Bekannte ist der von der Natur gebotene Ausgang auch für die Erlernung der fremden neueren Sprachen. Ehe der Schüler auf Französisch Auskunft über Karl den Groſsen und seine Thaten zu geben angeleitet wird, muſs ihm das, was ihn täglich umgiebt, in der französischen Form bekannt sein, geradeso wie er mit seiner Heimat bekannt gemacht wird, ehe er fremde Länder kennen lernt. Das ist der Gang, der das wichtige Gebot befolgt,sich der jugendlichen Geistesthätigkeit anzuschmiegen.*) Die Freude an dem Schauen der bekannten Dinge im fremden Gewande begleitet den Schüler aus dem Schulzimmer nach Hause. Was er in der Schulstube in Wirklichkeit oder auf dem Bilde gesehen, das begegnet ihm in der elterlichen Wohnung, auf der Straſse, in Wald und Flur. Schule und Leben der Kinder treten in die lebendigste Verbindung, wenn der Unterricht als nächstes Ziel sich das stellt, die dem Schüler bekannte, ihm innerhalb und auſserhalb der Schule entgegentretende Welt mit einem neuen Kleide zu umgeben. Somit wird zu gleicher Zeit jene wichtige Forderung erfüllt, welche Güſsfeld in seinem bekannten Aufsatze über dieErziehung der deutschen Jugend**) besonders hervorhebt:Nichts macht dem Schüler Kenntnisse so lieb und zum festen Besitz als ihre Nutzanwendung; der Drang dazu ist auch vorhanden. Ihr muſs ein reicher Spielraum in dem Unterricht eingeräumt werden. Auf Schritt und Tritt wird dieser Drang befriedigt, empfindet der Schüler die Freude, von dem Gelernten Gebrauch machen zu köônnen, wenn der Unterricht der Natur folgt und die Anschauung zur Grundlage nimmt. Ein weiterer Vorteil ist der, daſs eine unmittelbare Verknüpfung zwischen dem an- geschauten Gegenstande und dem fremden Worte, bezw. zwischen der Thätigkeit und dem Satze, der dieselbe ausdrückt, stattfindet, daſs somit der hemmende Umweg über die Mutter- sprache vermieden wird. Wenn der Schüler ein Haus vor sich sieht und dasselbe in der französischen Stunde ihm sogleich alsmauson entgegentritt, d. h. wenn er nicht den Weg von dem Begriffe Haus zu dem deutschen Worte Haus und von da zu maivon macht, sondern mit dem Begriffe des Hauses sofort das Gewand mauison verbindet, so hat er damit den ersten Schritt zu dem Ziele, dem Denken in der französischen Sprache, gethan. Der Schüler voll- zieht hierbei jenen Schöpfungsakt, welchen Hildebrand**) So schön beschreibt:Inhalt und Form, Kern und Schale haben sich gefunden, und das wird zugleich ein Augenblick reinster geistiger Freude, geistigen Genusses, weil es zugleich ein eigenes Nachschaffen des schon Verstandenen ist, ein kleiner Schöpfungsakt in uns. Die Vorteile dieser unmittelbaren Ver- knüpfung hat Felix Franke in seiner bekannten SchriftDie praktische Spracherlernung dargelegt. Es ist klar, daſs das Deutsche bei dem Unterrichtsgange nicht grundsätzlich aus-

*) Willmann, Pädagogische Vorträge. Leipzig, 1886. S. 6. **) Deutsche Rundschau XVI, 4. S. 46. ur) a. a. O. S. 7. 2