Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
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zosischen Sprache*) sagt. Es heiſst da:Da sind die famosen Satzgruppen la famalle, la motson, l'appartement, l'école zusammengestellt. Erst nach mehreren Seiten atmet der Schüler auf bei der Uberschrift: Charlemagne. Träfe der letzte Satz zu, so würde darin eine sehr grosse Gefahr liegen. Wenn das wahr ist, dann allerdings kann von einer natürlichen Spracherlernung nicht mehr die Rede sein. Wehe unserer Jugend, wenn die Gelehrsamkeit so die Natur in ihr erstickt hätte, daſs sie beim Unterrichte in einer fremden Sprache sich ohne Teilnahme über ihre Umgebung unterhielte und erstaufatmete bei der Uberschrift Charlemagne. Gott sei Lob und Dank, so weit ist es noch nicht gekommen, unsere Schüler sind noch natürliche Menschen und folgen dem Wege, den die Natur zeigt, mit herzerhebender Freude. Nicht im Anschluſs anCharlemagne, sondern an der Hand von Personen und Gegenständen, die ihm bekannt, an der Hand dessen, was es auf Schritt und Tritt umgiebt, soll das Kind den ersten Schritt in das Gebiet der fremden Sprache thun. Die von M. D. Berlitz bearbeiteten, bei Siegfried Cronbach in Berlin erschienenen höchst beachtenswerten Bücher und z. B. das oben angeführte Büchlein von J. Carré führen in dieser und ähnlicher Weise in die Sprache ein. Der Kreis der Anschauungsgegenstände erweitert sich mehr und mehr, das Ziel ist, dem Schüler seine ganze kleine Welt, seinen ganzen geistigen, zunächst in der Hauptsache auf unmittelbarer Anschauung ruhenden Besitz im fremden Kleide zu zeigen. Wenn die Gegen- stände selbst nicht zur Hand sind, wenn ihre Herbeischaffung mit Schwierigkeiten verbunden ist, oder wenn der Schüler nicht ein lebendiges, durch Jahre lange Anschauung fest gewurzeltes Bild davon in sich trägt, dann werden naturgemäſs die Anschauungsbilder in den Dienst des Unterrichtes treten. Die oberste Anforderung an diese Bilder wird die sein, daſs sich das, was auf ihnen dargestellt wird, eng an den Vorstellungskreis des Schülers anzuschlieſsen hat. Eine sich von selbst ergebende Forderung ist auſserdem die, daſs die dargestellten Personen, Tiere, Gegenstände und Thätigkeiten genau den Verhältnissen und Einrichtungen des Landes entsprechen, dessen Sprache gelehrt werden soll. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, mit dem beiden Voölkern Gemeinsamen zu beginnen und dem Unterrichte zunächst solche Ab- bildungen zu grunde zu legen, für die deutsche und fremdländische Verhältnisse keine Ver- schiedenheit herbeiführen. Für den französischen Unterricht sind diese Bilder neuerdings in besonders planmässiger Weise von Ferdinand Schmidt nutzbar gemacht worden**).

Alle Vorteile des die Anschauung zu Hilfe nehmenden Unterrichtsganges sind darin ausgesprochen, daſs er natürlich ist. Die oberste Vorbedingung alles Erfolges im Unterrichte, das Interesse, ist in hervorragendem Maſse vorhanden. Man wendet im Sinne von Lösch- horns oben angeführter Bemerkung ein: Die Umgebung ist den Schülern bekannt, was bieten Thüren und Fenster, Decke, Fuſsboden, Wände, was bieten die Gegenstände auf den Bildern Neues, das die Kinder interessieren könnte? Diese Frage mag berechtigt sein, wenn es sich um bloſsen Anschauungsunterricht handelt. Für unseren Fall aber gilt es, diese Gegen-

*) Vgl. über das Buch Fetter's auch Klinghardt, Die Alten und die Jungen, S. II und die Besprechung von Dr. A. Beyfer, im dritten Bande der Phonetischen Studien S. 242 246.

**) Lehrbuch der französischen Sprache auf Grundlage der Anschauung von Dr. Ph. Rossmann und Dr. F. Schmidt. Bielefeld und Leipzig. Velhagen und Klasing. gr. 80. VII. 202 S. Brosch. 2 M., geb. 2,40 M. 3. Aufl. 1893. Vgl. ausserdem die theoretisch-praktischen Abhandlungen Schmidt's in den Verhandlungen der 15. Jahresversammlung des Vereins von Lehrern an den höheren Schulen der Provinz Hessen-Nassau und des Fürstentums Waldeck. Hofgeismar. 1890, Hofbuchdruckerei von L. Keseberg, und im XXV. Hefte der Lehrproben und Lehrgänge von Fricls und Meyſer.