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während sich diese vor ihrer Schulzeit meist frei herumtummeln. Die sprachlichen Fehler, welche sich nach der Heimat des Kindes und nach dem Bildungsstande seiner Umgebung im Gedächtnis festsetzen, werden beim fremdsprachlichen Unterrichte vermieden, da dem Schüler von vorn- herein die Sprache nur in der richtigen Gestalt nahe gebracht wird. In der Schule, wendet man ferner ein, wird das auf natürlichem Wege Erlernte durch den Unterricht ergänzt. Wenn nun dieser Unterricht aber den Unterbau nicht hätte? Würde nicht in den fremden Sprachen der Aufbau schneller und sicherer von statten gehen, wenn ein ähnlicher Untergrund vorhanden wäre, wenn der Unterricht zunächst einmal das Ziel im Auge hätte, welches die Kinder, die in die Schule eintreten, in bezug auf ihre Muttersprache erreicht haben? Natürlich kann der Unterbau hier nicht so breit sein wie dort, dafür aber besteht er nur aus Richtigem, das nur befestigt und erweitert zu werden braucht, während dort manches Falsche ausgemerzt werden muſs. Wer einmal dem Unterrichte in einer Elementarklasse beigewohnt hat, der weiſs, was dieses Ausmerzen bedeuten will, und daſs sich der Lehrer der fremden Sprache in einem gar nicht zu unterschätzenden Vorteile befindet. Der Unterricht in der Muttersprache, so lautet ein anderer Einwand, wird nicht nur durch den Unterricht in den anderen Fächern, sondern auch durch das Leben auf Schritt und Tritt unterstützt. Wer wollte diesen grossen Vorteil, die Un- gleichheit der Verhältnisse verkennen und unterschätzen. Indessen ist auch hier nicht zu ver- kennen, daſs das Leben Hemmnisse und Störungen bietet, die dem fremdsprachlichen Unterrichte nicht erwachsen. Und wenn die Schule auch den Weg, den die Natur einschlägt, nicht so wie diese durchwandern kann, soll er ihr deshalb nicht stets als Muster vorschweben? Die Sicher-— heit, mit der auf dem natürlichen Wege das Ziel erreicht wird, ist so groſs, daſs selbst dann noch genug herauskommen muſs, wenn dieser Weg unter erschwerten Umständen begangen wird.„Si la mère“, heiſst es in einem Büchlein, das von seiten der Lehrer des Französischen groſse Beachtung verdient,„en deux ou trois ans à peine, amène son enfant à comprendre tout ce qu'elle lui dit, à savoir exprimer lui-même tout ce qu'il voit, tout ce qu'il fait, tout ce qu'il veut, on doit forcément arriver à ce même résultat en deux ou trois mois en employant les méèmes procédés, mais coordonnés, progressifs, méthodiques en un mot, avec des enfants dont Desprit est plus ouvert, dont les facultés ont plus de force, qui sont capables d'une attention plus intense et plus soutenue*). Die Zeitangabe(„deux ou trois mois“) ist mit Rücksicht auf die besonderen leichteren Verhältnisse, die der Verfasser im Auge hat, und die sich aus dem Titel des Buches ergeben, zu verstehen. Ich bin weit davon entfernt, für deutsche Schulen diese Angabe aufrecht erhalten zu wollen. Aber im übrigen giebt der Vergleich viel zu denken, und ich habe diese Stelle ganz hergesetzt, weil man auf die Wahrheiten, die darin ausgesprochen sind, nicht oft genug zurückkommen kann. Auf dem natürlichen Wege kommt jeder mit gesunden Sinnen ausgestattete Mensch zu einer gewissen Beherrschung seiner Sprache, er kommt nicht in Verlegenheit, wenn er einen Wunsch äuſsern, seine Freude oder Trauer ausdrücken, seine Erlebnisse erzählen will. Der„reelle Sprachgewinn“, den das Kind von der natürlichen Erlernung der Sprache hat, ist grösser als der, den ein auf die Form aufgebauter Unterricht„am Ende einer sechs- bis neunjährigen Schulzeit“ erzielt. Und weshalb? Das Kind denkt in seiner Sprache, der Schüler besinnt sich auf die Regeln der Grammatik oder vergleicht in dem Augen-
*) Carré, Méthode pratique de langage, de lecture, d'écriture, de calcul, etc. plus spécialement destinée aux élèves des provinces où l'on ne parle pas français, et qui arrivent en classe ne comprenant ni ne sachant parler la langue nationale. Paris. Armand Colin et Cie. Livre du maitre. Préface S. 4.


