Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

mit Präpositionen kein Unterschied mehr gemacht werden.Es kann alles nichts helfen: Die franzõsischen Hauptwôrter haben formell überhaupt keinen Kasus mehr.*) Dem Knaben muſs qu pore und ævec le Bère als dieselbe Verbindung erscheinen, nicht aber au boère als Genetiv und ævec lo Bére als Hauptwort mit Verhältniswort. Und erst beim Zeitwort! Besteht man auf der Einteilung in regelmäſsige und unregelmälſsige Zeitwöôrter, so kann man zu den ersteren doch nur diejenigen rechnen, deren Formen aus stets gleichem Stamme und den Endungen bestehen. Trotzdem es unter den Zeitwörtern auf oir kein solches giebt, hat man eineregel- mälsige dritte Konjugation aufgestellt. Die Präsentia von houvorr und vouloir treten in der Vorstellung des Schülers an eine andere Stelle als das von recevoir, während sie doch nach denselben Gesetzen gebildet sind. Die Zeitwörter auf er mit der abweichenden Stamm- erweiterung bilden dieregelmäſsige zweite Konjugation, das so schön regelrechte votir, welches höchstens, d. h. wenn man die alte Einteilung maſsgebend sein lälst, einunregel- mäſsiges II. Partizipium hat, gehört zu denunregelmälsigen. In der Vorstellung der Schüler ist eine scharfe Grenze gezogen zwischen den vier Konjugationen, und doch, wie gering sind die Verschiedenheiten in der Formbildung. Der Blick für den Zusammenhang wird getrübt, ja selbst das Gleiche wird nicht immer erkannt. Daſs sämtliche Imperfekta des Indikativs gleich gebildet werden, daſs sich die Verschiedenheiten in der Bildung anderer Formen notwendig aus bestimmten Gesetzen ergeben, daſs z. B. in mene kiens assteds meurs recois derselbe Vorgang vorliegt, das kann nach der alten Anordnung nicht zum Ausdruck kommen. Sieben Zeiten(fünf einfache und zwei zusammengesetzte) weist das finite Verbum neben dem Imperativ auf; die Grammatik enthält deren vierzehn.Es kann alles nichts helfen: Die französischen Zeitwörter haben formell kein Perfeckum, kein Plusguamperfeckum, kein Futurum exactum u. s. w. mehr. Liegt denn in il a donné eine andere grammatische Verbindung vor als in 2 So*f? Ist dort die adjektivische Form des Verbums nicht in derselben Weise mit einer finiten Form verbunden Wwie die substantivische beispielsweise in il sait parler? Das lateinische Passivum besitzt die- französische Tochter formell nicht mehr, die Grammatik zwingt es ihr mit Gewalt auf. Dann werden besondere Regeln über die Veränderlichkeit des Particie passé, welches mit efre kon- jugiert ist, aufgestellt. Der Schüler, dem la Sorte est haule geläufig ist, lernt la Porte est ouverte als etwas ganz Besonderes, Neues. Das mit avoer konjugierte Furtecepe passe wird erst recht ganz für sich behandelt und doch liegt nichts als das veränderte Adjektiv vor, wie z. B. in il a las cheveux blonds. Wenn es bei Plôtz(Schulgrammaltk, Lektion 46) mit bezug auf la chauir heiſst: ls la mangeaient crue, so liegt doch hier genau dieselbe grammatische Verbindung vor wie in ls L'avatent mangée.

Die Grammatik, die Abstraktion von der Sprache, ist also in der Hauptsache nicht als ein Mittel zur Aneignung hingestellt worden. Welches ist nun dieses Mittel? Die Antwort auf diese Frage wird uns ein Blick auf die natürliche Erlernung der Muttersprache geben, weil hier das uns vorschwebende Ziel mit unfehlbarer Sicherheit erreicht wird. Aber, wendet man ein, die Verhältnisse im Leben sind doch ganz anders als in der Schule. Es ist freilich wahr, wie gering ist die Zeit, welche hier gegen dort zu gebote steht. Der Nachteil wird aber, wenn auch nicht aufgehoben, so doch abgeschwächt dadurch, daſs die Kinder, welche die Erlernung der fremden Sprache beginnen, geistig viel reifer sind als die, welche anfangen, ihre Mutter- sprache zu erlernen, und ferner dadurch, dals jene systematisch geleitet, unterrichtet werden,

*) Quousque tandem(Wilhelm'ietor), a. a. O. S. 15.