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gefunden wird, so treten neben die gehörten Ableitungsformen eines Wortes ihre Schriftbilder,
das Auge unterstützt das Ohr.„Aber auf allen Stufen des Unterrichtes sind das Ohr und der Mund als Hauptträger der Muttersprache“ nicht nur, sondern der Sprache überhaupt,„zu behandeln, das Auge und die Hand in die ihnen gebührende, dienende Stellung zurückzu- weisen“*). Durch die Gegenüberstellung des Gehörten und Gesehenen,— unter fortwährender Betonung des ersteren als der Hauptsache— lernen die Schüler zugleich nach und nach den Grund des Zwiespaltes zwischen Laut und Schrift erkennen und sie bekommen einen Einblick in die Entwicklung der Sprache. Darüber aber müssen sie sich klar sein, daſs das Ohr, nicht das Auge, ihnen Aufschluſs über die gegenwärtig vorliegende Sprachform giebt. So heilst 2. B. der Artikel vor einem vokalisch anlautenden Worte im Französischen nicht„l Apostroph“, sondern I, das, a ist nicht apostrophiert sondern ausgestossen worden. Die Hochachtung, welche die Schüler vor einem solchen gestrengen Apostroph haben, muſs geradezu etwas ver- mindert werden. Ebenso verhält es sich mit der Furcht erregenden Cédille. An den Verben auf cer ist beispielsweise(ebenso wie an denen auf Qοι in der Formenlehre gar nichts Be- sonderes zu erwähnen. Dèn ſdonne) verhält sich zu donõò ſdonnons) genau so wie komas ſcom- mence) zu foͤmasöô ſcommengçons). Der lautlich geschulte Schüler wird die Schreibung ohne grosse Mühe finden, und wer etwa das erste mal commensons schreiben sollte, verdient des- halb keinen Tadel, da diese Schreibung dem Laute entsprechen würde. Der Schüler, dem der wahre Vorgang klar ist, und der doch einmal einen Schreibfehler macht, weiſs mehr als der, der die betreffende Form richtig schreibt, der aber der geschriebenen Form einen grösseren Wert beilegt als der gesprochenen. Wenn man manchen Schülern sagen würde, daſs die französischen Nomina im Plural in den meisten Fällen nicht verändert werden, so würde man kaum Glauben finden. Eine solche Macht hat die Tinte, daſs mancher, dem ein Wort vor- gesprochen wird, dabei mehr sieht als er hört. Es muſs aber den Schülern zum Bewuſstsein gebracht werden, daſs das s oder Nebensache ist, daſs kein thatsächlicher Unterschied zwischen Singular und Plural besteht, wenn nicht ein Vokal auf das betreffende Wort folgt. Ein anderes Beispiel: Daſs die französischen Zeitwörter im Sing. und der 3. Pers. Plur. Präs. keine Endung haben, dessen sind sich wohl noch viele Schüler nicht bewuſst. Aber so und nicht anders verhält es sich doch.
Noch mehr aber wird das Bild der französischen Grammatik, in erster Linie der Formenlehre, dadurch entstellt, daſs dieselbe noch zu sehr unter der Herrschaft der lateinischen Grammatik steht, daſs der Ersatz lateinischer Formen durch Formworter auf eine Stufe mit den alten Formen gestellt wird. Die Abschnitte, welche die lateinische Grammatik bietet, bleiben noch in der Mehrzahl bestehen, iund die Fächer, welche dort ausgefüllt sind, werden auch hier ausgefüllt, anstatt daſs dem Toten sein Recht bleibt, und nicht ausgefüllt wird, was es nicht giebt. Dadurch wird geradezu Falsches, thatsächlich nicht Bestehendes den Schülern geboten. Dann aber hat dieses Vorgehen auch den grossen Nachteil, daſs Zusammengehôriges in der Vorstellung der Schüler auseinandergerissen, nicht Zusammengehòriges neben einander gestellt wird. Kern**) zählt z. B. sieben Arten von Prädikatsbestimmungen für das Deutsche auf; diese schrumpfen im Französischen zu fünf zusammen, da„Dativ“,„Genetiv“,„mit Präpositionen“ in eine Gruppe zusammenfallen. Ebenso kann zwischen Attributen„im Genetiv“ und solchen
*) Hildebrand, a. a. O. S. 58. **) Grundriſs der deutschen Satzlehre, S. 29.


