Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
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7.

mag nur auf folgende zwei Punkte hingewiesen werden unter besonderer Bezugnahme auf das Französische.

Der Laut voran, das gilt, wie erwähnt, den Reformern für die Vorbedingung zur Er- langung einer guten Aussprache. Aber in diesen Worten liegt nicht nur das Mittel zur Er reichung jenes Zweckes ausgesprochen, sie haben noch eine viel tiefere Bedeutung. Die For- derung der Reformer: erst der Laut, dann der Buchstabe, stellt einfach ein Verhältnis, welches umgedreht und auf den Kopf gestellt war, richtig. Diese Forderung brachte es erst wieder zum Bewulstsein, dalſs das Wort Sprache von sprechen und nicht von schreiben herkommt. Der Laut ist der Herr, der Buchstabe ist der Diener, der Mund, der spricht. gebietet, die Hand, die schreibt, führt den Befehl unvollkommen aus, das Ohr entscheidet über das Richtige oder Unrichtige, das Auge nicht. Die Sprache entwickelt sich im Munde des Volkes, nicht auf dem Papiere. Es wird durch jene Forderung der Blick von dem Unwesentlichen auf das Wesentliche, von der Schale auf den Kern gerichtet. Hierin liegt der grosse mittelbare Dienst dieser Forderung, hierin liegt die volle Berechtigung zu der ernsten Bezeichnung Quousque tandem, unter welcher die bedeutungsvolle bahnbrechende Schrift Vietors zuerst erschien. Es handelte sich auch hier um Abwendung einer schweren Gefahr.Ist es doch manchmal, sagt Hildebrand*),als wollte das tintenklecksende Säkulum, von dem in Schillers Räubern verächtlich die Rede ist, nun, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, erst recht anbrechen. Das ist eine der uns drohenden, anrückenden Gefahren, gegen die wir uns wehren und waffnen müssen, und die Schule muſs dazu den Anfang machen. Dem gegenüber stellt Hildebrand die Forderung auf:Das Hauptgewicht sollte auf die gesprochene und gehorte Sprache gelegt werden, nicht auf die geschriebene und gesehene**). Soll die Grammatik wahr, den Thatsachen entsprechend sein, so muls diese Forderung auch für die fremden neueren Sprachen befolgt, die Folgerung von dem Grundsatz: erst der Laut, dann der Buch- stabe, gezogen werden, die gesprochenen Formen müssen den geschriebenen gegenüber mehr als bisher zu ihrem Rechte kommen. Koschwitz kommt freilich in seinem AufsatzePhonetik und Grammatik**r) in bezug auf die Formenlehre zu demSelbstverständlichen Schlusse, daſs die französische Schulgrammatik nach wie vor vom Schriftbilde auszugehen habe. Selbstver- ständlich scheint dieser Schluſs jedoch nur unter der Voraussetzung, daſs dem Schüler die sprachlichen Formen zum ersten male in der Grammatik entgegentreten, daſs der Schüler da- durch in die Sprache eingeführt wird, daſs er die Paragraphen der Grammatik lernt. Der Schüler soll aber, wie wir weiter sehen werden, die erste Bekanntschaft mit den Formen an Sätzen machen, deren Inhalt ihn interessiert. Erst nachdem die Formen durch unaufhôrliche Wiederholung sein Eigentum geworden sind, wird das Zusammengehòérige zusammengestellt und so die Grammatik gewonnen. So weit es irgend angeht, wird bei dieser Zusammen- stellung in erster Linie das Gehòrte zum Ausdruck gebracht werden müssen. Damit ist natürlich nicht gesagt, daſs nicht auch auf die Schreibung Rücksicht genommen werden soll, aber ihr gebührt erst die zweite Stelle. Wie nach einiger Zeit des Unterrichts alsbald die Schreibung jedes neu auftretenden, dem Schüler zuerst durch das Ohr übermittelten Wortes

*) Hud. Hildebrand, Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt. 3. Auflage. Leipzig und Berlin 1887. S. 34.

**)] a. a. O. S§. 6. ***) Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur. S. 1 20.