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der Grammatik der Muttersprache. Für wenige andere Unterrichtsgegenstände liegen die Bau- steine so reichlich im Schüler, wie für diesen, wenige bieten so angenehmen Untergrund für lebendige gemeinsame Arbeit, mit einem Worte, selten bietet sich die Induktion so unge- zwungen dar wie hier.
Je grösser aber die Möglichkeit der Induktion, um so fruchtbringender der Unterricht. Soll der Unterricht in der fremdsprachlichen Grammatik lebendig gemacht werden, so muſs er das Muster für seinen Betrieb in der wohlverstandenen grammatischen Unterweisung in der Muttersprache suchen. Auf diese Weise wird zugleich der grammatische Unterricht in beiden Sprachen in enge Beziehung gebracht, die grammatische Einsicht wird in gleichem Grade vertieft, wie die Gedächtnisarbeit vereinfacht wird; wie die Erkenntnis des einen sprach- lichen Organismus die des anderen fördert, werden zugleich neue Stützen für die praktische Kenntnis gewonnen. Mittelbarer und unmittelbarer Nutzen sind überhaupt nicht von einander zu trennen.„Comprendre dispense d'apprendre“. Nur darf eben nie vergessen werden, daſs das„comprendre“ die Induktion zur Voraussetzung hat, und daſs wahre Induktion nur mõg- lich ist, wenn der Unterricht nicht von der Grammatik ausgeht. Von den grammatischen Er- scheinungen der Einzelsprachen erhebt sich schlieſslich der Blick zu den allgemeinen gramma- tischen Begriffen, und der Schüler lernt einsehen:„Si les langues sont plus ou moins riches de mots, plus ou moins touffues, toutes elles se nourrissent de la môme sève, elles se com- posent des méêmes éléments, elles obéissent aux mémes lois“*). Diese Erkenntnis der Ge- setze d. h. der nächste Segen des grammatischen Unterrichtes steht nicht nur nicht im Gegen- satz zu der„neuen“ scheinbar grammatikfeindlichen Methode, sie ist die notwendige Folge davon. So führt diese in ihrem Ausgangspunkte nicht formale Lehrweise zu einer geistigen Schulung, die vor der durch den Unterricht in den alten Sprachen erstrebten„formalen Bil- dung“ nicht zurückzuschrecken braucht. Nicht um eine Hinwegräumung der„Regeln“ handelt es sich, sondern— abgesehen von ihrer Vereinfachung— um eine andere Art, sie einerseits zu gewinnen und andererseits nutzbar zu machen, darum, über die Regeln hinweg den Schüler schlieſslich zu der Erkenntnis zu führen,„non seulement qu'il doit y avoir une grammaire générale, mais aussi ce que doit être cette grammaire, c'est-à-dire la partie essentielle et commune à toutes les langues, celle qui tient à l'unité de la race humaine, à l'identité des lois intellectuelles et morales auxquelles elle est soumise, à la ressemblance des conditions physiques ou autres dans lesquelles se développent les individus et les peuples“**). Wem dieses Ziel zu hoch erscheint, der bedenke, daſs es in einem Buche aufgestellt ist, welches sich an die Lehrer der Volksschulen und der unteren Klassen höherer Schulen wendet.
Es kann nicht geleugnet werden, daſs, wenn die Grammatik in diesem Sinne gelehrt werden soll, die grammatischen Erscheinungen naturgemässer dargestellt und zu Gruppen zu- sammengefaſst werden müssen, als noch vielfach in den Lehrbüchern der Fall ist. Auf diesen Punkt näher einzugehen liegt nicht im Bereich dieser Abhandlung. Es sei nur erwähnt, daſs uns für die Satzlehre die Beobachtung der Gesichtspunkte, welche Franz Kern in seinen Schriften über den Unterricht in der deutschen Satzlehre dargelegt hat, auch für den Unter- richt in der Grammatik einer fremden Sprache unerläſslich erscheint. Für die Formenlehre
*) A. Vessiot, de l'enseignement à l'école et dans les classes élémentaires des lycées et collèges. Paris, Lecène Oudin et Cie. 1891. S. 49. „]) Hassiot, a. a. O.§. 51.


