— 5.—. lernten Muster der Grammatik. Mag hie und da ein grammatischer Fingerzeig die Aneignung erleichtern, mag grammatisches Wissen später den Besitz des unbewuſst Gelernten befestigen, in der Hauptsache erleichtert die Grammatik die erste Einführung in die fremde Sprache nicht. Das Eingreifen derselben in die frische, lebendige Aufnahme von Sprachstoff wirkt vielmehr hemmend auf die Aneignung ein. Die Grammatik bewirkt nicht den Besitz der Sprache, sie folgt aus diesem Besitze. Die daraus sich ergebende Natur der Grammatik zeigt überdies, daſs mit dem Betrieb derselben vom Anfang des Unterrichtes an den Knaben etwas zugemutet wird, was für sie zu schwer ist.„Die Grammatik“ heilst es bei Schmager“),„ist eine Ab- straktion von der Sprache und schon deshalb keine passende Geistesnahrung für 10— 12jährige Knaben“. In der Epistel„an einen jungen Lehrer“ läſst Orbilius Empiricus**) diesen seufzen und sprechen von erschrecklicher Dummheit
Und von dem Kampfe, den selbst die Götter kämpfen vergebens. Gar zu langsam begriffen die Jungen die simpelsten Dinge.
Man hõre die Antwort des Meisters: „Simpelsten Dinge, mein Freund? Sind wirklich tempora, modi So handgreiflich und einfach, so selbstverständliche Dinge? Sind sie nicht feines Gepräge der Kraft des begrifflichen Denkens? Und das hältst du für leicht für Knaben, die ihrer Natur nach Nur im Schauen begreifen und lernen mit dem Gedächtnis?“ 2**)
Man hemme dieses„Schauen“ nicht, man lege dem„Lernen mit dem Gedächtnis“ durch zu früh angestellte grammatische Betrachtungen kein Hindernis in den Weg. Man halte den Knaben, der im munteren Laufe dahineilt, nicht an, um ihm auseinanderzusetzen, in welcher Weise er beim Laufen die Beine zu bewegen hat. Erst wenn genügender Sprachstoff aufge- nommen ist, und wenn sich der Schüler einigermaſsen in der Sprache zu Hause fühlt, kann der eigentliche grammatische Unterricht beginnen. Durch denselben wird einmal das bisher Geübte befestigt, seltenere und deshalb weniger geübte Spracherscheinungen werden dem Gedächtnisse eingeprägt. Nicht als Grundlage, wohl aber als Stütze soll die Grammatik dem Sprachunterrichte dienen. Durch den eigentlichen grammatischen Unterricht soll der Schüler später einen klaren Einblick in den Bau der Sprache bekommen, er soll sich der Mittel, deren
er sich bisher bedient hat, bewuſst werden, das Verständnis für das, was ein„Sprachlicher Or-
ganismus“ ist, soll ihm eröffnet werden. Das wird aber eben erst dann môglich sein, wenn dieser Unterricht nicht mehr in der Luft schwebt, wenn er nicht immer ängstlich nur das eine Ziel im Auge hat, Sprachstoff zu bieten, sondern wenn er sich stützt auf den Stoff, in dessen Besitz die Schüler auf einem anderen Wege gelangt sind. Grammatischer Unterricht und Langeweile sind nachgerade zwei Begriffe geworden, die eng neben einander wohnen. Es ist ganz selbstverständlich, man mõchte fast sagen, es gehört zum guten Tone, daſs die Lehrer diesen Unterricht eintönig finden. Und doch scheint es, als ob gerade dieser Unterrichtsgegen- stand das Interesse des Schülers in einem besonderen Grade in Anspruch nehmen, ihn geistig rege und seine Kräfte lebendig machen könnte. Das lälst sich weniger für den Unterricht in der fremden Sprache nachweisen, wie man ihn bisher im allgemeinen betrieben hat, als für den grammatischen Unterricht, der im Rufe des„langweiligsten“ steht, für den Unterricht in
*) a. a. O. S. 4. **) Pädagogische Episteln von Orbilius Empiricus. Wiesbaden 1889. S. 49. ***) Desgleichen. Fünfte Epistel.


