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daſs er die sprachlich-formale Bildung als solche niemals in Abrede gestellt habe*). In einer anderen sehr entschiedenen Reformschrift**) wird ausdrücklich von Erzielung„derjenigen formalen Bildung“ gesprochen,„auf welche eine höhere Schule unter keiner Bedingung ver- zichten kann“. In der Forderung des„Könnens“, des„Aneignens“ einer Sprache ist die Forderung der bewuſsten Anwendung ihrer einzelnen Teile, des klaren Einblicks in den Bau derselben, schon einbegriffen. Wer unterschriebe nicht die Forderung Jägers***), daſs dem Schüler ein Verständnis aufgehen solle,„von dem, was ein System, ein Lehrgebäude, ein sprachlicher Organismus ist“? Aber ist dieses Verständnis nicht erst eine Folge des Könnens, vor allem in den neueren Sprachen? Darum: Auch um dieses Verständnisses, um der Grammatik willen beginne man nicht mit der Grammatik. Wird jemand, der den Bau einer Maschine klar legen will, seinen Zweck nicht besser erreichen, wenn er die fertige Maschine vor den Augen des Betreffenden zerlegt, als wenn er dem, der von dem Ganzen keine Vor- stellung hat, die einzelnen Teile zeigt und aus denselben das Werk aufbaut? Jedenfalls wird er im ersten Falle dem Schüler den Dienst, den der Teil dem Ganzen leistet, besser klar machen können, als in dem letzteren; er wird ihm zeigen können, wie die einzelnen Teile in einander greifen, wie einer oder mehrere im Dienste des Ganzen stehen. Anders beim Aufbau vor dem Auge, das das ganze Werk noch nicht gesehen hat. Hier wird nur der einzelne Teil an sich, als etwas Selbständiges oder höchstens in Verbindung mit den schon dagewesenen Teilen betrachtet, in seinem Verhältnisse zu dem Ganzen, in seiner Unterordnung unter dasselbe kann er nicht sofort nahe gebracht werden. Je weniger vielgestaltig der Bau der einzelnen Teile, je weniger schwierig der Einblick in dieselben selbst ist, um so weniger wird das letztere Verfahren zu empfehlen sein. Je einfacher die Teile sind, um so mehr wird das Augenmerk auf die Hauptsache, nämlich auf ihr Verhältnis zum Ganzen hingelenkt werden können. In den neueren Sprachen sind nun die Teile der Rede im Verhältnis zu denen der alten so einfach, daſs schon in dieser Verschiedenheit wenigstens die Berechtigung liegt, den Einblick in das Sprachgetriebe nicht durch den Aufbau, sondern durch Zerlegung zu gewinnen. Die Vorbedingung für den Einblick würde also das Können sein. Welches mithin auch die Antwort auf die Frage nach dem Zwecke des neusprachlichen Unterrichtes sein mõöge, das erste und nächste Ziel wäre in jedem Falle das Aneignen, das Können. Die Frage nach der Bedeutung der Grammatik für den Sprachunterricht könnte also für den Anfang so gefaſst werden: Welchen Wert hat der ÜUnterricht in der Grammatik für die Erlernung einer Sprache, inwiefern setzt er den Menschen in den Stand, daſs er sich eine Sprache aneignet? Das Ergebnis eines auf die Grammatik aufgebauten fremdsprachlichen Unterrichtes wäre im günstigsten Falle eine Beherrschung der grammatischen Regeln. Verbürgt eine solche aber das ganze Können einer Sprache? Denkt man daran, in welcher Weise der Mensch sich seiner Muttersprache bedient(und hier liegt doch das Ideal sprachlichen Könnens), so wird man diese Frage verneinen müssen. Man spricht nicht, indem man etwas Neues schafft im Hinblick auf die Grammatik, sondern indem man Gehõrtes wiederholt oder Analogieen bildet nach den gehörten Wörtern und Sätzen, deren Inhalt Interesse hat, nicht nach dem bloſs er-
*) a. a. O. S. 61.
**) Sehmager, Zur Methodik des französischen Anfangsunterrichts, S. 5.— Diese Abhandlung leistet vorzügliche Dienste für die erste Einführung in die„neue Methode“.
**) a. a. O. S. 32.


