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hat sich die Frage vorzulegen: Welche Bedeutung hat der Betrieb der Grammatik für diesen Unterricht? Dieses ist die Haupt- und Grundfrage der ganzen Reformbewegung, von ihrer Beantwortung hängt die Gestaltung des neusprachlichen Unterrichtes in der Hauptsache ab. Alle Fragen, welche sich weiter ergeben, sind nur Unterfragen. Bevor aber die Antwort auf diese Frage gegeben werden kann, mulſs die Frage nach dem Zwecke und nach dem Ziele des neusprachlichen Unterrichtes erértert werden. Es würde entschieden zur Einigung beitragen, wenn bei den Erôrterungen über die Forderungen der„Reformer“ das Ziel des Unterrichtes nie aus den Augen verloren würde, wenn jeder, der seine Meinung zu jenen Forderungen äuſsert, seine Stellung zu dem Ziele ausdrücklich hervorheben wollte. Es kann sehr leicht geschehen, daſs zwei nur deshalb verschiedener Meinung über die Mittel zur Sprach- erlernung sind, weil jedem von ihnen ein anderes Ziel vorschwebt. So lange über dieses noch Meinungsverschiedenheiten bestehen, ist an eine Einigung über die Wege, welche der neu- sprachliche Unterricht zu gehen hat, nicht zu denken.
Das Ziel des Sprachunterrichtes kann ein unmittelbares oder ein mittelbares sein, das erstere würde in dem Können der Sprache, das letztere in der„formalen Bildung“ bestehen. Vielleicht wäre die Meinungsverschiedenheit in dieser Frage nicht so groſs, wenn dem Unter- richte in den neueren Sprachen nicht der in den alten vorhergegangen wäre. Es ist klar, dals man die alten, die toten, nicht mehr gesprochenen Sprachen nicht allein um ihrer selbst willen erlernt, sondern daſs man bei ihrer Erlernung von vornherein einen mittelbaren Zweck im Auge hat. Wird es doch von Jäger*) als der Grundirrtum der Perthesianer hingestellt, daſs es sich um„leichteres oder schnelleres Beibringen von Latein handle“, es handle sich vielmehr darum, die Kinder„arbeiten, in ihrer Weise wissenschaftlich arbeiten zu lehren.“ Anders bei den neueren Sprachen. Selbst abgesehen davon, dalſs wir es hier mit lebenden, von unseren Nachbarn gesprochenen Sprachen zu thun haben, sind diese Sprachen gegenüber den alten so formenarm, dals der Unterricht wenigstens von Anfang an dem mittelbaren Zwecke nicht in derselben Weise gerecht werden könnte wie die Unterweisung in der lateinischen Formenlehre. Lassen wir uns wegen der Ungleichheit der Gegenstände nicht beeinflussen von dem Ziele des altsprachlichen Unterrichtes, so ist es klar, daſs die natur- gemässe, jedem sich von selbst darbietende Antwort auf die Frage nach dem nächsten Ziele des neusprachlichen Unterrichtes die ist, welche die Philologenversammlung zu Giessen gegeben hat:„Ziel des französischen(engl.) Unterrichts ist möglichste Aneignung der französischen (engl.) Sprache“***). Wird dieses Ziel erreicht, so wird damit zugleich ein grosser mittel- barer Segen gestiftet, ein Nutzen, der dem ganzen Menschen zu gute kommt, was trefflich ausgedrückt ist in dem bekannten Worte:„So viel Sprachen man spricht, so viel mal ist man Mensch“. Aber auch wenn wir bei dem mittelbaren Nutzen der Spracherlernung nur an grammatische Schulung, an die Einsicht in den grammatischen Bau einer Sprache denken, so werden wir— hauptsächlich für die neueren Sprachen— der Frage nach dem Werte des Könnens für dieses unser Ziel nicht aus dem Wege gehen dürfen. Es liegt in der Natur der Sache und mulſs mit allem Nachdruck hervorgehoben werden, daſs der Sprachunterricht der Reformer auf diesen Einblick und auf den Segen, den derselbe stiftet, nicht verzichten kann und will. Einer der schärfsten Vertreter der Reform, Bierbaum, hebt ausdrücklich hervor,
*) Das humanistische Gymnasium und die Petition um durchgreifende Schulreform. Wiesbaden 1889. S. 28. **) Bierhaum, Die analytisch-direkte Methode des neusprachlichen Unterrichts. S. 57.
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