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verständlichere Forderung als die, auf eine möglichst gute Aussprache zu dringen, kann es also im neusprachlichen Unterricht überhaupt nicht geben. Das Einzige, was dabei Wunder nehmen kann, ist, daſs es jemals nôtig war, diese Forderung aufzustellen, und daſs in einer so selbstverständlichen Sache überhaupt eine Meinungsverschiedenheit besteht. Ich glaube, das kommt zum guten Teile daher, daſs die Gegner der sogenannten Reform die Mittel, welche die„Reformer“ zur Erzielung einer guten Aussprache anwenden, an sich als Selbstzweck, womöglich als einen neuen Unterrichtsgegenstand betrachten und in der Kampfesstimmung ausser Acht lassen, daſs lautliche Schulung mit Anwendung von Lauttafeln und Lautschrift, mit Erteilung phonetischer Hilfen nichts als Mittel zur Erreichung eines jede Erôrterung, jede Meinungsverschiedenheit ausschliessenden Zieles und mithin in erster Linie unter diesem Gesichtspunkte zu beurteilen sind. Einwände gegen lautliche Schulung und die dazu ver- wandten Hilfsmittel haben nur dann eine Berechtigung, wenn zugleich auf Schritt und Tritt nachgewiesen wird, daſs ohne diese Dinge dieselbe Aussprache erzielt wird wie mit ihrer Hilfe. Weshalb hebt mau das, was trennt, zu sehr hervor, anstatt das Gemeinsame zuerst freudig anzuerkennen? Das Ziel einer möglichst guten Aussprache ist allen gemeinsam, in diesem Punkte müssen sich alle die Hand reichen, welche in einer neueren Sprache unter- richten. Und da auf keinem Gebiete des Sprachunterrichtes das Fehlerhafte so schwer aus- zurotten ist wie in der Aussprache, muſs über allen anderen Bemühungen im Anfangsunter- richte die Sorge um die Erreichung dieses nicht zu bestreitenden Zieles stehen, und es müssen alle Mittel, welche dazu führen, angewandt werden. Daſs die Nachahmung allein nicht zum Ziele führt, ist im Hinblick auf die Aussprache von Leuten, welche, ohne phonetisch geschult zu sein, sich längere Zeit im Auslande aufgehalten haben, oft genug hervorgehoben worden. Die Nachahmung bedarf einer Unterstützung, und diese bietet die Wissenschaft der Phonetik. Es kann deshalb keinem Zweifel unterliegen, daſs der Satzs: Da, wo die Nachahmung allein nicht zum Ziele führt, trete die Phonetik in den Unterricht ein’ über kurz oder lang zu all- gemeiner Anerkennung gelangen dürfte. Es ist natürlich und dürfte hinlänglich durch die Erfahrung bewiesen sein, dals das bisherige Ausgehen vom Buchstaben keine Bürgschaft für die Erreichung des Zieles bietet. Der Buchstabe ist für das Auge; wie aber jemand ausspricht, sagt uns das Ohr; den Buchstaben bringt die Hand hervor, zum Aussprechen gehòrt der Mund. Schulung des Mundes und Ohres ist der nächste Zweck, daher muls der Laut den Ausgangspunkt bilden. Dazu kommt, dals von diesem Ausgangspunkte aus schon hôchst beachtenswerte Erfolge in der Aussprache erzielt sind. Sollte aber ein Weg, den die theo- retische Betrachtung als den zunächst liegenden und natürlichen erkennt, und der in der Praxis mit bestem Erfolge betreten ist, nicht der richtige sein? Wenn nur einmal der Grundsatz: „der Laut voran“ allgemein anerkannt ist, dann wird hoffentlich auch immer mehr eine Einigung erzielt werden über die Mittel, welche von diesem unumstöſslichen Ausgangspunkte zu dem unumstoſslichen Ziele einer möglichst guten Aussprache führen. Dieses Ziel ist den Reformern die Hauptsache, nicht, wie es aus Gegenschriften bisweilen erscheinen könnte, die Phonetik und die Lautschrift, welche oft genug als Schreckgespenste hingestellt werden.
Der zweite Anstoſs zur Umkehr lag also in dem mangelhaften„reellen Sprachgewinn“. Es ist bereits angedeutet worden, daſs die Hauptrolle in dem bisherigen Unterrichte die Grammatik gespielt hat. Wer also nach dem Grunde der bisher erzielten Ergebnisse des neusprachlichen Unterrichtes— môgen dieselben nun günstig oder ungünstig sein— fragt,


