Aufsatz 
Grammatik und natürliche Spracherlernung / von Emil Hermann Zergiebel
Entstehung
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Grammatik und natürliche Spracherlernung.

Das natürliche Interesse ist, wie bei der Muttersprache, so bei der fremden, zunächst nur auf den Inhalt gerichtet.

WIIIMANN, Pédagogische Vorträge, S. 7.

Den Anstols zu einer Umgestaltung des fremdsprachlichen, in erster Linie des neu- sprachlichen Unterrichts haben in der Hauptsache zwei Thatsachen gegeben, nämlich eine mangelhafte Aussprache und die zu der aufgewandten Zeit und Mühe in keinem richtigen Verhältnisse stehende Beherrschung der fremden Sprachen, der, wie Vietor*) sagt,höchst mässige reelle Sprachgewinn am Ende der sechs- bis neunjährigen Schulzeit.

In bezug auf den letzten Punkt kann man einwenden, daſs dieser Sprachgewinn nicht das Ziel des fremdsprachlichen Unterrichtes sei, daſs derselbe hauptsächlich in dem mittelbaren Segen liege, den dieser Unterricht stiftet. Ob also der zweite Vorwurf wirklich einen Mangel bedeutet, das hängt von der Antwort auf die Frage nach dem Ziele des fremdsprachlichen Unterrichtes ab.

Ganz anders verhält es sich mit dem ersten Punkte.

Es wäre vielleicht schon eine gréssere Einigung in bezug auf die Forderungen der Reformer erzielt, wenn diese beiden Punkte nicht so oft einander beigeordnet würden, wenn man nicht häufig der Ansicht wäre, daſs die Stellung, die der Einzelne der Aussprache gegenüber einnimmt, auch seine Stellung zur Grammatik(denn um die Bedeutung derselben für den Unterricht handelt es sich im zweiten Falle) bedinge. Eine Frage von deren Beantwortung freilich die Gestaltung des fremdsprachlichen Unterrichtes abhängt liegt überhaupt nur im zweiten Falle vor. Im ersteren handelt es sich um die unerläſsliche und selbstverständliche Vorbedingung eines jeden neusprachlichen Unterrichtes, wie sich derselbe auch sonst gestalten mag. Ist es nicht mehr als selbstverständlich, dals das Französische französisch, das Englische englisch ausgesprochen werden muſs? Sobald nicht unablässig auf Hervorbringung der fremden Laute sowie der Laut- und Wortverbindungen in der fremden Klangfarbe hingesteuert wird, kann mit gutem Gewissen doch gar nicht von Unterricht in der betreffenden Sprache geredet werden. Wer z. B. in dem englischen Worte çain al wie 2h**) spricht, der spricht eben nicht englisch. 7)/ räng, delalch und zeglemang sind eben keine Teile der französischen Sprache, sind überhaupt keine Worter. Eine natürlichere und selbst-

*) Quousque tandem(Wilhelm Vielor), Der Sprachunterricht muſs umkehren. 2. Auflage. Heilbronn 1886. S. 2. **) a. a. O. S. 9. 1