Aufsatz 
Lehrplan für den Unterricht im Französischen am Realgymnasium zu Cassel : in Gemeinschaft mit den Fachlehrern entworfen und dem Königlichen Provinzialschulkollegium eingereicht / von Wilhelm Wittich
Entstehung
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einem schwierigeren Diktat bestehend, wechseln miteinander ab, während dazwischen die freien Auf- sätze fallen, welche meistens eine geschichtliche Darstellung oder die Beschreibung eines Zeitbildes zum Gegenstand haben sollen. Natürlich muss der zu verarbeitende Stoff dem Schüler aus der Lektüre oder aus seinem allgemeinen historischen Wissen hinreichend bekannt sein; die Form der Darstellung bleibe jedoch seiner eigenen Wahl überlassen, und der Lehrer hüte sich vor einer zu genauen Besprechung, beziehungsweise Berichtigung von Aufsatzkonzepten, zumal, was am nächsten liegt, derjenigen der schwächeren Schüler: es liegt sonst zu leicht die Gefahr einer mehr oder weniger knechtischen Wiedergabe des vom Lehrer Empfohlenen auch seitens der besseren Schüler nahe, und es wird dann die gesamte Klassenleistung unerquicklich.

Sowohl für den Aufsatz als auch für die baäuslichen UÜbersetzungen ins Französische ist der Schüler vor einer zu häufigen und darum vom guten, zutreffenden Ausdruck nur zu oft ab- lenkenden Benutzung des Lexikons zu warnen; er soll vielmehr lernen mehr seine Beobachtungen und Erinnerungen aus der Lektüre zu Rate zu ziehen.

Für die Lektüre in den obersten Klassen des Realgymnasiums einen unantastbaren Kanon aufzustellen erscheint nicht ratsam. Dagegen bleibt es ausser Frage, dass der Abiturient mipdestens je eines der klassischen Dramen von Corneille(und zwar Cid, vgl. Obersekunda), von Racine und von Molière gelesen haben muss; auch die moderne Lyrik Bérangers, Lamartines, Victor Hugos darf ihm nicht fern bleiben. Wichtiger als diese poetische Lektüre ist die der guten Prosaiker, weil aus ihr allein die Befühigung zum Schreiben eines lesbaren franz. Aufsatzes hervorgehen kann. Die Prosalektüre wird natürlich aus demselben Grund im allgemeinen der Geschichtschreibung den Vorzug geben, ohne sich jedoch auf dieselbe zu beschränken. Kreyssigs Anthologie bietet eine genügende Auswahl aus den Schriften der hervorragendsten Musterautoren: Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Michaud, Barante, Frau von Stabl, Chateaubriand, Lamartine, Victor Hugo, Guizot, Michelet, Thiers, Cuvier und anderer. Ein nicht geringer Teil dieser Lektüre wird natürlich kursorisch betrieben werden müssen. Die Lebensbilder der betreffenden Schriftsteller sind nicht zu übergehen, sie bieten wertvollen Stoff für die Konversation in französ. Sprache. Wie bisher in jeder Klasse ist auch hier auf Sicherheit in richtiger Aussprache und sinngemässe Lesefertigkeit zu achten. Auch hier darf sich der Lehrer nicht damit begnügen, die Fehler des lesenden Schülers zu berichtigen; er muss durch eigenes fehlerloses und sinngemässes Vorlesen des durch die Über- setzung und Besprechung hinsichtlich des Sinnes dem Schüler bereits vollständig klar gewordenen Abschnitts auf Ohr und Zunge des Hörers veredelnd wirken. Dies gilt in besonderem Masse von dem Lesen der Verse, namentlich des Alexandriners. Als allgemeine Regel ist hierbei festzuhalten, dass sinngemäss gelesen und skandiert werde, dass das in der Prosa und namentlich in der Umgangssprache stumme e, welches ja allerdings in der gebundenen Rede vor einem konsonantisch beginnenden Worte etwas hörbar wird, nicht zu einem knechtisch-mechanischen Skandieren und zu einem unnatürlichen Recken und Strecken der Verse missbraucht wird.

Die Erklärung des Gelesenen fasse in erster Linie den Gedanken des Schriftstellers ins Auge, erstrecke sich aber auch auf Synonymik und Grammatik, ohne jedoch alle vorkommenden grammatikalischen Erscheinungen zur Besprechung zu bringen. Vor allem hüte sich der Lehrer die ästhetische Wirkung besonders ansprechender poetischer oder prosaischer Abschnitte durch dazwischen geworfene grammatikalische Fragen zu stören oder zu zerstören. Dass die Besprechung

des Gelesenen meistenteils in franz. Sprache geschehen soll, ist schon in den allgemeinen Grund- linien ausgesprochen worden.