Aufsatz 
Lehrplan für den Unterricht im Französischen am Realgymnasium zu Cassel : in Gemeinschaft mit den Fachlehrern entworfen und dem Königlichen Provinzialschulkollegium eingereicht / von Wilhelm Wittich
Entstehung
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Alter der Schüler einigermassen entsprechend sein; kindisch und lächerlich darf ihnen das nicht erscheinen, was ihre Bildung fördern soll.

Das Auswendiglernen muss durch genaue UÜbersetzung und Erklärung sowie durch wieder- holtes Vorlesen in den unteren Klassen gründlichst vorbereitet sein, so dass der Schüler genau weiss, was er lernt, und keine falsche Aussprache sich einprägt. Für die späteren Klassen lässt man beim Auswendiglernen die Prosa überwiegen, um für den freien mündlichen und schriftlichen Gebrauch der Sprache eine sichere Grundlage dadurch zu gewähren.

Über den Lehrstoff sprechen sich die Lehrpläne in ihren Erläuterungen folgendermassen aus: Die Lektüre erstreckt sich vorzugsweise auf historische und beschreibende Prosa und auf Dichtungen der klassischen Periode, auch auf Muster des abhandelnden, rednerischen und Briefstils. Es ist dabei möglichst bald von dem Gebrauche der Chrestomathieen zur Lektüre von ganzen Schriftwerken fortzuschreiten, deren Inhalt und Darstellung dem Standpunkt der einzelnen Klassen entspricht. Es wird hierüber bei dem Lehrstoff für die einzelnen Klassen das Nähere anzugeben sein.

Dass der grammatische Unterricht durch den im Deutschen und Lateinischen schon wesentlich vorbereitet ist, wurde bereits mehrfach berührt; dass er infolgedessen mit einer Menge von allgemeinen Dingen sich nicht mehr zu beschäftigen hat, versteht sich von selbst. Spezielle Anknüpfungen an das Lateinische werden sich besonders da ergeben, wo ein lateinisches Wort als Grundlage eines französischen noch deutlich zu erkennen ist.

Hierzu gehört unter anderem auch die grammatische Terminologie, für welche neben dem französischen Ausdruck dem Schüler auch der lateinische, wo ein solcher vorhanden ist, gegeben werden muss. Wie bei der deutschen Grammatik wird man auch bei der französischen die lateinischen Bezeichnungen zur Anwendung bringen können; daneben aber sind doch in erster Linie die fran- zösischen zu gebrauchen.

Auch bei der Vergleichung französischer Wörter und Formen mit den lateinischen, von welchen sie abgeleitet sind, wird der Schüler anzuhalten sein aus einer Anzahl von Einzelerscheinungen die Regel zu finden, die wieder immer an Bekanntes, Vorgekommenes anzuknüpfen hat, nicht von vornherein eine systematische Etymologie sein soll, für welche erst nachträglich die Belege bei der Lektüre zerstreut zu finden wären. Die Induktion muss auch hier massgebend sein.

Ein Zurückgehen auf das Altfranzösische und das Vulgärlatein schliesst sich daher in der Regel aus.

Für den Unterricht im Englischen, der erst zwei Jahre später beginnt als der französische, wird dieser in den ersten Jahren eine gute Grundlage bieten, später wird auch aus dem englischen Unterricht dem französischen mancherlei zu gute kommen. Die Verbindung mit der Geographie und Geschichte, auch wohl mit Naturkunde und Mathematik, wird durch die Lektüre hergestellt und erhalten werden. Die Sacherklärung wird, wie es in den Erläuterungen heisst, namentlich bei historischen Werken, den geschichtlichen Unterricht ergänzend, die Bekanntschaft mit den Begeben- heiten und den staatlichen Einrichtungen zu vermitteln haben. Andererseits werden die bereits vor- handenen Geschichts- und sonstigen sachlichen Kenntnisse das Verständnis beim Lesen von vorn- herein wesentlich erleichtern.

Das bisher Ausgeführte setzt, namentlich für die ersten Unterrichtsjahre, ein Lehrbuch vor- aus, wie es bis jetzt nicht vorhanden ist. An unserer Anstalt werden vorläufig noch die Plötzschen

Lehrbücher gebraucht, und es kommt also darauf an, mit diesen sich auseinanderzusetzen, sich so 2*