Aufsatz 
Lehrplan für den Unterricht im Französischen am Realgymnasium zu Cassel : in Gemeinschaft mit den Fachlehrern entworfen und dem Königlichen Provinzialschulkollegium eingereicht / von Wilhelm Wittich
Entstehung
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wird der Lehrer für den Anfangsunterricht gut thun dies wie ein französiches Stück zu behandeln, d. h. bei geschlossenem Buche die Sätze französisch vorzusprechen und vom Schüler übersetzen zu lassen denn hier werden ja nur bereits bekannte Wörter verwendet sein und erst später den Schüler bei aufgeschlagenem Lesebuch die UÜbersetzung ins Französische, die dann nur eine Wiedergabe des gründlich Eingeübten ist, versuchen zu lassen.

Dies muss im Anfang das Wesen jeder Ubersetzung, sowohl der ins Deutsche wie der ins Französische, sein; entbehren kann man beide Arten von Übersetzungen nicht, so lange man über- haupt unterrichtet. Es ist eine Selbsttäuschung mancher Reformer, wenn sie die Übersetzung für überflüssig oder verwerflich erklären. Der Lernende kann wohl im Laufe der Zeit dahin kommen, so sicher in der fremden Sprache zu werden, dass er beim Lesen und Hören den Stoff nicht erst, sich innerlich ins Deutsche umzusetzen braucht, und dies zu erreichen muss ja das Ziel des Unter- richts sein. Aber Weg und Ziel sind nicht dasselbe. Der Anfangsunterricht und jeder neuen Spracherscheinung gegenüber ist der Unterricht Anfangsunterricht bedarf der Übersetzung ins Deutsche, um Klarheit der Vorstellung herbeizuführen und den Lehrer zu überzeugen, dass die- selbe vorhanden ist. Ein Verstehen ohne Worte findet bezüglich des Unterrichts zwischen Lehrer und Schüler nicht statt. Wiedergabe des Inhalts mit anderen französischen Worten ist in den ersten Jahren nicht möglich; Wiedergabe mit denselben französischen Worten kann ein ploss Aus- wendiggelerntes sein, dem alles Verständnis fehlt. Auch der weitgehendste Reformer, der sein: Fort mit der Ubersetzung! noch so laut ertönen lässt, kann diceselbe thatsächlich nicht entbehren: sie ist ein notwendiges Unterrichtsmittel und ein Prüfstein für den Erfolg.

Es gilt dies auch bezüglich der Übersetzung ins Französische, die denselben Zwecken der Übung und Prüfung dient. Daraus ergibt sich, wie schon ausgesprochen wurde, dass sie immer eine Art Reproduktion sein muss, wenn auch in den oberen Klassen in freierer Weise als in den unteren, indem sie dort auch die Aufgabe hat die Befähigung der Schüler zu beweisen selbständig die aus der französischen Lektüre gewonnenen Regeln zur Anwendung zu bringen. Jedenfalls muss die Ubersetzung ins Französiche immer mehr hinter der Lektüre, der Übersetzung ins Deutsche, zurücktreten und darf dem Schüler keine Aufgabe stellen, die er nicht mit einer gewissen Leichtig- keit, falls er mit Aufmerksamkeit seine Schriftstellen liest, zu lösen vermag.

Neben den mündlichen Ubungen müssen beizeiten schriftliche hergehen. Das orthographische Bild des Wortes muss, wie im Deutschen, in die Hand, in die Feder übergehen. Man wird in der Schule, so weit es die Zeit erlaubt, Wörter und Sätze an die Wandtafel schreiben lassen, man wird Abschriften sowie UÜbersetzungen zu Hause anfertigen lassen, die dann in der Schule unter Aufsicht und Mitwirkung des Lehrers verbessert werden. Häusliche Arbeiten zur Ablieferung an den Lehrer werden mit Klassenarbeiten wechseln, die anfangs nur Diktate, dann, im Wechsel mit diesen, Uber- setzungen sein werden. Auch in höheren Klassen empfiehlt es sich, zuweilen noch ein Diktat zu geben, das ja nicht bloss die Sicherheit in der Rechtschreibung, sondern namentlich auch in der Aufnahme und dem Verständnis des gesprochenen Wortes nachzuweisen imstande ist. Wie bei jedem Unterrichts- gegenstande wird auch hier das Extemporale viel von seinen angeblichen Schrecken verlieren, ja es wird für den Schüler eine Freude sein, wenn dasselbe in der richtigen Weise vorbereitet ist. Der Lehrer darf nicht für die Extemporalstunde eine grössere Anzahl von Lektionen zur Wiederholung aufgeben; es kommt nicht darauf an, dass der Schüler zeigt, was er für das Extemporale noch hat lernen können, sondern was er bis zu diesem Zeitpunkte ohne Rücksicht auf diese Prüfungs- und Ubungsarbeit gelernt hat und sicher weiss. Ist der Stoff nur aus Gründlichdurchgearbeitetem