Aufsatz 
Lehrplan für den Unterricht im Französischen am Realgymnasium zu Cassel : in Gemeinschaft mit den Fachlehrern entworfen und dem Königlichen Provinzialschulkollegium eingereicht / von Wilhelm Wittich
Entstehung
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setzung, ebenso ein zweiter, dritter Schüler; der Lehrer verbessert die Aussprache oder die Über- setzung, wo es nötig ist, er spricht den Satz noch einmal vor, und die ganze Klasse wiederholt ihn im Chor, damit jeder Schüler beteiligt wird. Hat auch hierbei die etwa nötige Verbesserung durch die besseren Schüler oder den Lehrer stattgefunden, so kann zu einem neuen Satze über- gegangen werden. Dieser wird neben dem Neuen, dass er bringt, schon Bekanntes enthalten. Der Lehrer wird für die Übersetzung nur das Neue geben, und die besseren Schüler werden Gelegen- heit finden zu zeigen, dass sie schon etwas gelernt haben, indem sie den neuen Satz übersetzen. Diese selbständige Thätigkeit wird mit jedem weiteren Satze zunehmen und dem Schüler die Be- friedigung eigenen Schaffens geben können, die so wichtig für jeden Fortschritt im Unterricht ist. Hieraus aber wird sich die auch sonst giltige methodische Vorschrift ergeben, dass nicht zu viel Neues auf einmal geboten werde, und damit entsteht mit zwingender Notwendigkeit die Forderung, dass für den Anfangsunterricht das Lehrbuch seine zusammenhängenden Stücke mit ganz beson- derer Vorsicht auswählen oder mit ausserordentlicher Kunst schaffen muss. Selbstverständlich dürfen dieselben für den Anfang auch nur ganz kurz sein, da der Schüler sonst ihren Inhalt nicht sogleich zu fassen vermag. Wo solche Stücke nicht vorhanden sind, wird der Lehrer für den An- fang sich mit Einzelsätzen behelfen müssen, die ja auch so gewählt sein können, dass sie einen abgeschlossenen Sinn nicht zu gewöhnlichen Inhalts geben.

Hat nun das Ohr eine Reihe von Sätzen aufgenommen, haben die Sprachwerkzeuge sich an Wiedergabe derselben einigermassen gewöhnt, während Verstand und Gedächtnis sich zugleich des Inhalts bemächtigt haben, so tritt das Lehrbuch in seine Rechte, damit auch das Auge bei- zeiten sich an das Schriftbild gewöhnt.

Ist dies schon im deutschen Unterricht notwendig, weil das Wortbild mit dem Wortklang so oft sich nicht deckt, wie viel notwendiger ist es noch im Französischen! Manche der neueren Sprachlehrer schlagen den Umweg durch eine Lautschrift ein; sie behaupten, es werde keine Ver- wirrung in der Vorstellung des Schülers erzeugt, wenn er erst die phonetische, dann die herkömm- liche Schreibweise lerne. Natürlich ist dies nicht. Alles was nicht durch Verstandesschlüsse gewonnen werden kann, was dem Gedächtnis besonders eingeprägt werden muss, haftet um so leichter und um so sicherer, je früher es zur Anschauung gebracht wird, und je weniger es genötigt ist eine bereits vorhandene Vorstellung zu verdrängen. Diese allgemeine Erfahrung lässt sich durch die bisher mitgeteilten entgegengesetzten Erfahrungen einiger tüchtigen Lehrer nicht einfach umstossen. Mag der begabte Schüler das doppelte Bild leicht aufzunchmen und auseinander- zuhalten imstande sein, dem minderbegabten wird jedenfalls mit der doppelten Aufgabe grössere Mühe gemacht.

Der Schüler lernt also das Schriftbild erkennen, nachdem sich ihm der Wortklang durch wiederholtes Vor- und Nachsprechen, wobei das Lehrbuch geschlossen bleibt, einigermassen fest eingeprägt hat. Der Satz wird ihm vorgelesen. Bei jedem Worte, wo eine Abweichung der Schrift vom Laute vorhanden ist, wird er hierauf aufmerksam gemacht, ebenso wie die etwaige Abweichung der Bedeutung und des Namens des französischen Schriftzeichens vom deutschen ihm mitgeteilt wird. So lernt er nach und nach das französische Alphabet, dessen Benennungen er beim Buchstabieren anzuwenden hat; schliesslich muss er das ganze Alphabet auswendig lernen, um es hersagen zu können. Jeder Satz wird übersetzt. Endlich wird das ganze Stück vom Lehrer noch einmal mit Ausdruck vorgelesen und ebenso von einzelnen Schülern und von der Klasse im Chor vorgetragen. Folgt dann ein deutsches UÜbungsstück zum Übersetzen ins Französische, so