man, ſo lange man nur noch athme, der Tugend zu Hilfe eilen müſſe: ſo löſ't er die zweite Hauptfrage des Werkes dadurch, daß er eine Vergleichung anſtellt zwiſchen dem moraliſch vollkommenen(philoſophiſchen) Staate und dem ihm ähnlichen Individuum einerſeits und zwiſchen den(vier) Hauptarten der unmoraliſchen oder ungerechten Staaten und den ihnen entſprechenden Individuen anderſeits. Weil aber nun der moraliſch vollkommene Staat(die„α.α.ιιιοςι ooder ⁴οιισιοπεια) und der ihm ent⸗ ſprechende Menſch ſchon bei Beantwortung der erſten Frage der Republik(über das Weſen der Gerechtigkeit) dargeſtellt worden ſind; ſo braucht Sokrates nun nur noch die Haupt⸗ arten der ungerechten Staaten(Timokratie, Oligarchie, Demokratie, Tyrannis) mit den ihnen entſprechenden Individuen in ihrer ſtufenartigen Abartung darzuſtellen, und er thut dies in der Weiſe, daß er alle Mal bei jedem dieſer Staaten erſtens die Ent⸗ ſtehungsweiſe und Characteriſirung desſelben folgen läßt, dann auch in Abſicht auf das Individuum eben ſo verfährt.
Nach dieſer großartigen Zurüſtung wird nun von Kap. 4 des IX Bchs. endlich zum Entſcheidungskampfe der erwähnten zweiten Hauptfrage unſeres Werkes geſchritten, in welchem es ſich nun um nichts Geringeres handelt, als um Sein und Nichtſein der Tugend. Dieſer ebenſo für Politik wie für Moral(denn der Staat iſt nur der Menſch im Großen) höchſt wichtige und von dem(ironiſchen) Sokrates ſo ſchüchtern und zaghaft vom II Buche an übernommene Entſcheidungskampf wird aber in drei Gängen von Beweisführung entſchieden, in welchem er, der Kämpfer der Tugend, als ein um ſo glänzenderer Sieger hervorgeht, je beſorgter, wie bei David gegen Goliath, die Zuſchauer für dieſelbe ge⸗ weſen waren. Jene drei Beweisführungen ſind aber folgende:
I. Aus der Vergleichung der vier ausgearteten Staatsformen und aus einem ana⸗ logen Schluſſe von dieſen auf die ihnen ähnlichen Menſchen, ergiebt ſich(in Kap. 4— 7), daß jeder von dieſen ein deſto glücklicheres Leben führe, je näher er dem vollkommenen Gerechten ſteht, und umgekehrt.
II. Da es drei Hauptbeſtandtheile der menſchl. Seele giebt(vergl. Bch. IV, Kap. 11— 16): die nach Erkenntniß und Tugend ſtrebende Vernunft, die nach Ehre und Ruhm verlangende Zornmüthigkeit, die nach Geld, dem Hauptmittel aller ſinnlichen Befriedigungen, ſtrebende Begierlichkeit: ſo könnte die Vorzüglichkeit des Vermögens der Vernunft, die Tugend, bloß als eine ſubjective erſcheinen; dawider wird aber (bis Kap. 9) der Beweis geführt, daß das Vergnügen des nach Weisheit und Tugend ſtrebenden Seelenbeſtandtheils von Natur nur objectiv das ſüßeſte iſt.
III. Die dritte, letzte und beßte Beweisführung von der abſoluten Vorzüglich⸗ keit der Tugend beginnt aber mit der von Ihnen als verdächtig bezeichneten Stelle, geht bis Kap. 12 und iſt folgenden Inhaltes: das Leben des Weiſen und Guten iſt aber


