Aufsatz 
Verteidigung der Vulgata in Platonis Rep. IX, cap. 9 / von Wilhelm Weigand
Entstehung
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unverkürzt mittheilten, auf das noch Unerforſchte aufmerkſam machten, den Schwachen und Beſcheidenen durch freundliche Anerkennung ermunterten, mit den Dreiſteren oder Zwei⸗ felnden unter einer unermüdlichen Geduld discutirten! Ein neues Leben erwachte dadurch damals an der Univerſität, zumal unter den bisher faſt verwaisten Jüngern der Philologie, und daß dieſes neue Leben ſeit zwanzig Jahren dem In⸗ wie Auslande auch ſeine Früchte getragen hat, iſt bereits officiell ausgeſprochen worden*). Indem ich ſo an jene Zeiten zurück dachte, wurde doch die Freude darüber etwas getrübt.Was haſt du denn ſeitdem, beſonders in Plato, geleiſtet, das eines ſolchen Lehrers und Führers würdig wäre? Daß ich die griechiſche Sprache und Litteratur in der Gelehr⸗ ten⸗Anſtalt einer hiſtoriſch merkwürdigen Stadt wieder eingeführt, nachdem ſie lange darin ceſſirt hatten, daß ich an der Wiedergeburt dieſer Anſtalt nach Kräften gearbeitet, daß ich ſie nach dieſer Wiedergeburt durch kritiſche Zeit⸗ und Ortsumſtände hindurch dem Dienſte der(antiken) Muſen zu erhalten geſucht, daß ich die Humanität, wenn auch nicht am Himmel(in coelo) erweitert, doch in einer Stadt und zwar bis in die Wohnungen (in urbem et in domos) der Niedrigſten(durch Pflege der Volksſchule) einzuführen und zu befördern geſucht: alle dieſe Antworten und Einwände, die das durch jene Fragen berührte Selbſtgefühl vorbrachte, konnten mein beſſeres Ich nicht beſchwichtigen. Ich dachte an das derbe, aber viel Wahres enthaltende: Oderunt dii, quem fecerunt paedago- gum; ich wünſchte, was ich ſonſt immer für Thorheit hielt, zum erſten Male die ver⸗ gangenen Jahre zurück. Unwillkührlich nahm ich, um dieſe Stimmung zu beſeitigen, den I. Band IhrerBeiträge zur griech. u. röm. Litteraturgeſchichte(Darm⸗ ſtadt 1835) wieder in die Hand, ein mir beſonders lehrreiches Werk, nicht nur durch die vielen neuen Entdeckungen auf dieſem Felde, ſondern auch durch die kritiſche Methode, nach welcher dieſe Reſultate gewonnen werden. Ich ſchlage die Abhandlung über die ſympoſiſche Elegie auf und leſe da S. 102 mit mehr Aufmerkſamkeit, als bei der erſten Lectüre, wie der Urſprung von der unter andern auch beſonders bei Plato häufig vorkommenden ſprüchwörtlichen Redensart 10 10 10 20 0*ν aus dem ſinnigen Trink⸗ Ritual der Griechen nachgewieſen wird. Wie Sie nämlich aus Suidas(. Ay‿νοι αέ οο) zeigen, ſo trank man nach dem Deipnon am Anfange des Sympoſiums dem Agathodämon, aber zuletzt, bevor man auseinander ging, noch einen Becher dem Zeus Soter und zwar, wol zur letzten Herzſtärkung für den Heimweg, alten Weins, um, nach dem Scholiaſten des Pindar, die Trinker auf den Beinen zu erhalten(6 10 10 8 105 lνοντιασςσσοᷣσόςεεεος‿ νεμεέιιεαμι). Dieſe letzte Spende ſchien ganz Regel ge⸗

*) Vergl. Dr. v. Linde's Ueberſicht des geſammten Unterrichtsweſens im Großherzogthum Heſſen. Gießen 1839, S. 264 u. 315.