Wenn nicht leicht ſonſt ein Tag verging, ohne daß ich an Sie und die ſchöne Zeit dachte, in welcher ich, hochgeſchätzter Lehrer und Freund, als Schüler in Ihrer Nähe war; ſo mußte ich mich beſonders dieſem Gedanken hingeben, da ich, als Senior der Mitglie⸗ der des von Ihnen 1825 reorganiſirten phil. Seminars zu Gießen, zur Entwerfung der vorſtehenden an Sie gerichteten Adreſſe von meinen Collegen beauftragt wurde. Ich dachte an die Zeit zurück, in welcher ich mit meinen damaligen Mitſchülern ſehnlichſt Ihrer An⸗ kunft in Gießen entgegen ſah. Zwar war nach dem Vorgange andrer deutſchen Univer⸗ ſitäten im J. 1812 auch in Gießen ein phil. Seminar gegründet worden, aber die betr. Aemter und Vorleſungen waren gewöhnlich als Parerga andren Functionen beigegeben, ſo daß die Philologie auch ſeitens der Studirenden meiſt nur in Verbindung mit der Theologie getrieben wurde, und höchſt ſelten einer, mit den Umſtänden bekannt, ſich ihr ausſchließ⸗ lich widmete. Dazu kam, daß einer der activen Vorſteher des Seminars, der Pädago⸗ giarch und Profeſſor der Theologie Hr. Dr. Rumpf, im J. 1824 geſtorben war, und alſo über ein Jahr die ganze Wirkſamkeit des philol. Seminars ſich bloß auf die Vor⸗ leſungen des ſel. Prof. Pfannkuche beſchränkte, welcher, urſprünglich Profeſſor Orien- talium, als ſolcher auch hinlänglich beſchäftigt war und, obgleich als Schüler Heyne's ein feiner Kenner der Latinität, es ſelbſt vor ſeinen Zuhörern nicht verhehlte, daß er, bereits im vorgerückten Alter, dies philolog. Nebenamt mehr als„Onus’ betrachtete*). Meine Sehnſucht wurde außerdem durch einen beſondern Umſtand geſteigert. Ich hatte ſchon vor Beziehung der Univerſität, an dem Gymnaſium, vor allen griechiſchen Proſaikern den Plato lieb gewonnen und verehrte ihn mit aller jugendl. Begeiſterung; aber den Schlüſſel zu ſeinem eigentlichen Verſtändniſſe hatte ich bis dahin vergeblich ge⸗ ſucht. Mit unbeſchreiblichem Vergnügen vernahm ich daher aus der Ankündigung Ihrer erſten Vorleſungen, daß unter denſelben auch eine über Plato's Republit begriffen war, in Verbindung mit einer allgemeinen Einleitung in die Schriften desſelben überhaupt. Und wie wurde dieſe Erwartung durch die Gegenwart übertroffen! Wie feſſelte Ihre Milde ſowol wie Ihr Ernſt! Wie gewann es alle Herzen, daß Sie, im Gegenſatz man⸗ cher andern Philologen Deutſchlands, die Reſultate Ihrer Forſchungen offen und
**) Als dritter Functionär, und zwar als Director des Seminars, war der geniale und ſprachkenntniß⸗ reiche Prälat E. Chriſt. Schmidt angeſtellt, welcher aber, ſchon alt und ſchwächlich, wenigſtens während meines dortigen Aufenthaltes, niemals philol. Vorleſungen gehalten hat.


