Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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eigniſſe im Raum zu verſchieben, ſie in Gegenden und Umgebungen zu verlegen, die uns mehr oder weniger unbekannt ſind. Seine Rolle in der Litteratur iſt eine mehr negative als poſitive; es dient dazu, die Aufmerkſamkeit durch den Kontraſt des Neuen zu er⸗ regen und auf den Gegenſtand, den es uns zeigt, zu konzentrieren. Während man im gewöhnlichen Leben nie weiß, welche Aſſociationen, z. B. mit einem Wort, bei einem anderen Menſchen hervorgerufen werden, da ſie bei jedem Individuum verſchieden ſind, hat der Schriftſteller bei der Schilderung fremder, dem Leſer unbekannter Gegenden, dieſen ganz in ſeiner Gewalt. Er wird nur diejenigen Aſſociationen wachrufen, die er wachrufen will. So dient das Pittoreske dazu, die Gegenſtände von ihrem gewöhnlichen Milien zu iſolieren, unſere gewöhnlichen Aſſociationen abzulenken. Seine hauptſächlichſte Rolle beſteht alſo in der Aufhebung des Zuſammen⸗ hangs der Ideen. Allein das Pittoreske iſt nicht die Grundlage der Kunſt, ſondern immer etwas Ausnahmsweiſes, Außergewöhn⸗ liches. Dieſes wird erſt dadurch Gegenſtand der Kunſt, daß es unter einem weiten Geſichtspunkt betrachtet, auf die Geſetze der menſchlichen Natur zurückgeführt und ſo gewiſſermaßen eine der Formen des Ewigen wird:Si l'on veut nous transporter dans des milieux lointains et étranges, il faut nous y montrer les manifestations d'une vie semblable à la nôtre, quoique diversifiée. Das Außergewöhnliche muß uns ſympathiſch werden, das Ferne uns nahe kommen, das Seltſame des exotiſchen Lebens er⸗ klärt werden. So erweitert ſich unſere Soziabilität, ſie läutert ſich in dieſer Berührung mit unbekannten Geſellſchaftskreiſen.Nous sentons s'enricher notre cœur quand y pénètrent les souffrances ou les joies naives, sérieuses pourtant, d'une humanité juisqu' alors inconnue, mais que nous reconnaissons avoir autant de droit que nous-méêmes, après tout, à tenir sa place dans cette sorte de conscience impersonnelle des peuples qui est la littérature.

Auf das Naturgefühl und die Kunſt es zu beſchreiben waren von beſonderem Einfluß die Bibel und der Orient. Allein während die klaſſiſche Litteratur in der Wiedergabe der Dinge namentlich auf die Form ſah, alſo Auge und Ohr zu Hülfe nahm, entnimmt die orientaliſche Litteratur ihre Bilder mehr dem Gefühl, dem Geruch, dem inneren Sinn; ſie ruft alſo genauere Vorſtellungen