Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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hervor, obgleich ſie weniger formell ſind. Der Schriftſteller läßt uns die Dinge nur indirekt ſehen, indem er die innere Erregung hervorruft, welche die äußere Viſion begleitet.

Die Natur und ihre Darſtellung erweckt unſere Sympathie und unſer Intereſſe nur dann, wenn ſie beſeelt erſcheint. Die Natur⸗ beſeelung iſt alſo eine Ausdehnung der lebenden Geſellſchaft auf die geſamte Natur;il faut que notre vie se méle à celle des choses, et celle des choses à la nôtre. C'est ce qui a lieu dans la- réalité. Daher iſt die Landſchaft für den Dichter nicht eine ein⸗ fache Zuſammenſtellung von Empfindungen, ſondern er gibt ihr vielmehr ein geiſtiges Ausſehen. Während ſo die Naturbeſeelung für den Dichter ein notwendiges Mittel iſt, liegt der Fehler unſerer Naturbetrachtung darin, daß unſere Auffaſſung von der Welt zu abſtrakt iſt und zuweilen nur an der Oberfläche der Dinge haften bleibt. Aber auch hinſichtlich der Beſeelung lebloſer Dinge ſind dem Dichter Schranken gezogen. Die Poeſie darf die Entwicklung der Natur etwas beſchleunigen, aber nicht ändern. Der Dichter kann in ſeinen Metaphern, die nur Symbole der allgemeinen Umwandlung der Dinge ſein dürfen, einige Stufen übergehen, die für eine Beſeelung, alſo für das Leben, unempfänglich ſind, allein er darf ſie nicht willkürlich überſpringen und erſt auf einer ſehr hohen Stufe der Entwicklung der lebenden Weſen kann er Ver⸗ gleichungspunkte mit dem Menſchen ſuchen.

Ein Mittel, der Natur das Leben zu nehmen, beſteht, in einer kleinlichen Analyſe der Einzelheiten, umſomehr als jede Analyſe eine Auflöſung iſt. Gleichwohl hat gerade das Detail eine hervor⸗ ragende Bedeutung in der modernen Kunſt eerhalten. Man hat dabei zu unterſcheiden zwiſchen dem einfach exakten Detail, das nur relativen Wert hat, und dem charakteriſtiſchen Detail, welches mit einem Mal die reine Erinnerung an eine Empfindung, eine Erregung wachruft, die man einmal empfunden hat, oder die man glaubt empfunden zu haben. In der Kunſt haben die ob⸗ jektiven Wahrheiten nicht gleichen Wert. Man muß deshalb in der Maſſe der geſehenen Dinge diejenigen auswählen, welche tief. empfunden werden können, die Einzelheiten, welche fähig ſind, in uns eine entſchlafene oder neue Erregung zu erwecken. Unter den charakteriſtiſchen Details unterſcheidet man wieder zwei Arten; die

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