Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
Einzelbild herunterladen

verſchwendet wurde, ſich auf jene charakteriſtiſchen Merkmale kon⸗ zentriert, erlangt das Erinnerungsbild einen erhöhten äſthetiſchen Wert. Außerdem läßt die Erinnerung das Unangenehme ver⸗ ſchwinden, um nur das zurückzubehalten, was angenehm war. So lindert die Zeit die großen Schmerzen, hauptſächlich läßt ſie die kleinen dumpfen Leiden, die Unannehmlichkeiten des Lebens ver⸗ ſchwinden.On laisse cela derrière soi, et pourtant ces riens se mélaient à vos plus douces émotions; c'etait quelque chose d'amer qui, au lieu de rester au fond de la coupe, s'évapore au contraire dès qu'elle est bue.Alles, was grau, trüb, farblos war,(d. h. in der Hauptſache der größere Teil der Exiſtenz), ver⸗ ſchwindet wie im Nebel, der uns die glänzenden Seiten der Dinge verbarg und wir ſehen nur die ſeltenen Augenblicke ſich erheben, die der Grund ſind, weshalb das Leben überhaupt der Mühe lohnt, gelebt zu werden. ¹)

Nur die tiefen und großen Erregungen können wiedererweckt werden. Die Erinnerung iſt eine Art Urteil über unſere Er⸗ regungen, das am beſten ihre komparative Stärke zu ſchätzen erlaubt. Die ſchwächſten verurteilen ſich ſelbſt, indem ſie vergeſſen werden, und nur das, was lebensfähig war, lebt; was ſchön oder erhaben war, drängt ſich auf und prägt ſich ein mit wachſender Gewalt.

Die Erinnerung erhält ſchon dadurch äſthetiſchen Wert, daß ſie die Dinge oder Ereigniſſe in ſpontauer Weiſe in Klaſſen ein⸗ teilt und regelmäßig lokaliſiert. Die Kunſt entſteht mit der Reflexion; Aufgabe der Reflexion iſt, in die ungeformte Maſſe der Erinnerungen Klarheit zu bringen; die äußere Form iſt die Zeit. Die feſten Punkte, welche notwendig ſind, um Veränderung und Be⸗

¹) Den künſtleriſchen Sinn Guyaus zeigt deutlich eine Stelle, die wegen der in ihr enthaltenen Stimmung nicht übergangen werden ſoll.Nous sommes en février, et les champs à perte de vue sont couverts de neige. Je suis sorti ce soir dans le parc, au soleil couchant; je marchais dans la neige douce: au-dessus de moi, à droite, à gauche, tous les bussons, toutes les branches des arbres étincelaient de neige, et cette blancheur virginale qui recouvrait tout prenait une teinte rose aux derniers rayons du soleil: c'étaient des scintillements sans fin, une lumière d'une pureté incomparable; les aubépines semblaient en pleines fleurs, et les pommiers fleurissaient, et les amandiers fleurissaient, et jusqu'aux péêchers qui semblaieènt roses, et jusqu' aux brins d'herbe; un printemps un peu plus pale, et sans verdure, res-