Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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iſt in der Hauptſache eine Form der Sympathie mit ſich, der Sym⸗ pathie meines gegenwärtigen Ich für mein vergangenes Ich. Sie iſt eine Verlängerung der Empfindung, die Phantaſie ihr Anfang. Auf derPoeſie der Erinnerung beruht zum Teil die Poeſie der Kunſt, denn dieſe muß die Erinnerung nachahmen. Die künſtleriſche Phantaſie arbeitet nur auf Grund von Bildern, die von dem Ge⸗ dächtnis geliefert werden. Gerade in der Erinnerung muß aber ein künſtleriſches Element verborgen ſein. Sie iſt ein Spiel der Phantaſie und zwar ein intereſſeloſes Spiel, weil ſie die Vergangenheit, das, was nicht mehr ſein kann, zum Gegenſtand hat. Von allen Vorſtellungen iſt die Erinnerung die leichteſte, und die Kunſt des Dichters beſteht in der Erweckung der Erinnerungen.Nous ne sentons guère le beau que quand il nous rappelle quelque chose; et le beau même des œuvres d'art ne consiste-t-il pas en partie dans la vivacité plus ou moins grande de ce rappel? Die ver⸗ gangenen Vorſtellungen ſtellen ſich uns in einer Art Ent⸗ fernung dar und deswegen ein wenig undeutlich. Aber gerade des⸗ halb können wir ſie mit größerer Freiheit genießen, wir können ſie verändern, mit ihnen ſpielen. Der wichtige Punkt iſt der, daß die Erinnerung an ſich die Gegenſtände ändert, ſie umformt, und dieſe Umbildung vollzieht ſich im allgemeinen in einem äſthetiſchen Sinn.Le temps agit le plus souvent sur les choses à la ma- nière d'un artiste qui embellit tout en pataissant rester fidèle par une sorte de magie propre.*¹)

Sucht man nach einer wiſſenſchaftlichen Erklärung dieſer Thätigkeit der Erinnerung, ſo iſt zu bemerken, daß ſich in unſerem Denken ein Kampf ums Daſein zwiſchen allen unſeren Eindrücken erhebt. Die ſchwachen Eindrücke verſchwinden, und nur die ſtarken, d. h. das Charakteriſtiſche, Bezeichnende und Suggeſtive, das, was in uns eine lebendige und lebhafte Spur zurückgelaſſen hat, bleibt. Dieſe ſpringenden Punkte werden dann allein in dem inneren Licht erſcheinen. Durch die Unterdrückung des Unweſentlichen, die zur Folge hat, daß die ganze Kraft, die auf nebenſächliche Eindrücke

¹) Vgl. auch S. 270:Voir à travers le souvenir, c'est voir à travers un rayon de lumière: tout semble devenir transparent, s'éclaire, se transfigure; pourtant rien n'est changé à la réalité, rien, sinon peut-èêtre qu' on en saisit mieux le vrai sens.