Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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Erregung durch die Gewohnheit geſchwächt iſt. Da es ſich in dem Realismus nun darum handelt, den alltäglichſten Dingen und Er⸗ ſcheinungen eine gewiſſe Poeſie zu verleihen, die in ihnen gewöhnlich nicht enthalten zu ſein ſcheint, muß das Wirkliche vertieft werden, man muß die Oberfläche durchdringen, an welcher gewohnheitsgemäß unſere Blicke haften bleiben, den Schleier heben, der durch das ver⸗ worrene Gewebe unſerer täglichen Aſſociationen gebildet wird und uns hindert, die Dinge ſo zu ſehen, wie ſie ſind. Daher iſt auch die realiſtiſche Kunſt ſchwieriger als die, welche das Intereſſe durch das Phantaſtiſche zu erwecken ſucht. Letztere bedarf keiner ſo großen Anſtrengung, denn die phantaſtiſchen Bilder können uns erfreuen durch zufälliges Zuſammentreffen wie in den Träumen, während für den, der nicht über das Wirkliche hinausgeht, Poeſie und Schön⸗ heit eine mit Vorbedacht verfolgte Entdeckung iſt, die Wahrnehmung eines Neuen da, wo alle ſchon vorher geſehen hatten.La vie réelle et commune, c'est le rocher d'Aaron, rocher aride, qui fatigue le regard; ily a pourtant un point l'on peut, en frappant, faire jaillir une source fratche, douce à la vue et aux membres, espoir de tout un peuple: il faut frapper à ce point, et non à coté; il faut sentir le frisson de l'eau vive à travers la pierre dure et ingrate. Der Schriftſteller kann vor unſeren Augen keinen Gegenſtand erſtehen laſſen, wie es der Bildhauer oder der Maler thut; er kann nur beſchreiben, und da iſt es leicht, aus dem Dunkel das aufſteigen zu laſſen, was man gewöhnlich nicht ſieht und verſchwinden zu laſſen, was man gewöhnlich ſieht. Daher iſt der Naturalismus:) in der Litteratur leichter als in der Skulptur und in der Malerei.

Es gibt Mittel, dem Trivialen zu entgehen, d. h. für uns die Wirklichkeit zu verſchönern, ohne ſie zu verfälſchen. Sie be⸗ ſtehen hauptſächlich darin, die Dinge oder Ereigniſſe, ſei es in der Zeit oder im Raume zu entfernen und dergeſtalt unſeren Geſichts⸗ kreis zu erweitern.Ces moyens constituent une sorte d'idéalisme à la disposition du naturalisme méême.

Die Frage nach der äſthetiſchen Wirkung der zeitlichen Ent⸗ fernung ſchließt die Frage nach der Erinnerung in ſich. Die Erinnerung

¹) S. 39 Anm.