43
Kunſtwerks kann ſich aber nur in einem ſehr flüchtigen Augenblick im Zuſtand der Täuſchung befinden. Hieraus folgt, daß die moderne Kunſt, um eine dauernde überzeugung hervorzubringen, die ſelbſt das Maß der Stärke der Bilder iſt, kein beſſeres Mittel hat, als dieſe aus der Wirklichkeit zu nehmen, ſie ſo zu organiſieren, wie ſie ſie im Leben organiſiert ſieht. Der wahre Realismus iſt eins mit der Aufrichtigkeit in der Kunſt; er muß in dem Maße wachſen, als er das Publikum zur Überlegung und zur Prüfung des Zu⸗ ſammenhangs und der Verkettung der Bilder auffordert, d. h. mit dem Fortſchritt des wiſſenſchaftlichen Geiſtes. Der Schein wird dann nur noch ſeine Berechtigung haben, wenn er ſymboliſch iſt, d. h. eine wirkliche Idee ausdrückt. Indem der Realismus ſo nach der Intenſität in der Realität ſtrebt, ſucht er einen größeren Ein⸗ druck vom Leben und Aufrichtigkeit zu geben; beide ſind identiſch. „La vie ne ment donc pas, et toute fiction, tout mensonge est une sorte de trouble passager apporté dans la vie, de mort partielle.“ Der Schriftſteller findet das Leben aber nur, wenn er ganz aufrichtig iſt und demgemäß nichts von ſeinem inneren Leben zurückhält. Das Ungenügende in der Darſtellung des Wirklichen muß ausgeglichen werden durch eine Verſtärkung der Intenſität der Darſtellung. Das iſt aber nur ein Mittel, kein Zweck, und es wäre falſch, der Kunſt hiernach ein quantitatives Ideal als Zweck geben zu wollen.
Was das Gebiet der Qualität betrifft, ſo zeigt die Kunſt zwei Tendenzen; die eine führt den Künſtler zur Harmonie, zu den Konſonanzen, zu dem dem Auge oder Ohre Wohlgefälligen, die andere treibt ihn an, das Leben unter allen ſeinen Seiten, mit allen ſeinen Diſſonanzen in das Bereich der Kunſt einzuführen. Aufgabe des Genies iſt es, dieſe beiden Tendenzen in Gleichgewicht zu bringen. Die Punkte, an denen dieſes hervorgerufen wird, ändern ſich unaufhörlich, und ſo macht die Kunſt unter dem Antrieb des Genies beſtändige Fortſchritte. Dieſe beſtehen in der Ein⸗ führung einer immer größeren Quantität Realität, d. h. inten⸗ ſiveren Lebens in die Kunſt, ſo daß ſie in des Wortes tiefſter Be⸗ deutung immer mehr realiſtiſch wird:„C'est à dire, que l'émotion esthétique causée par les phénomènes d'induction morale et sociale de sympathie y tBient une place, toujours plus importante,


