Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 jedes menſchliche Unglück kommt in den Werken V. Hugos zum Ausdruck, das aber nicht ſofort zu Tage trat, ſondern erſt in den Tagen des Unglücks frei ward. Dieſes Wohlwollen bildet den Grund ſeiner ſozialen Moral, die man als Identität der Brüder⸗ lichkeit und Gerechtigkeit definieren könnte. Das höchſte Mitleid iſt zugleich die höchſte Gerechtigkeit, Menſchheit iſt Gleichheit. Dieſe Identität iſt für ihn der metaphyſiſche Urſprung des Mitleids. Hugo glaubte an die Wirklichkeit des ſozialen Fortſchritts und an die Kraft des Volkes, dieſen Fortſchritt zu verwirklichen. Er war der Überzeugung, daß ein Zuſtand des allgemeinen Wohlſeins nicht mehr fern ſei, und daß die erſte politiſche Notwendigkeit darin beſtehe,faire dégager à l'appareil social, au profit de ceux qui souffrent et de ceux qui ignorent plus de clarté et plus de bien- stre. Hugo iſt ein Vorkämpfer der ſozialen Erziehung, und an einer Stelle der Misérables ſpricht er den Satz aus: Es gibt keine ſchlechten Menſchen, es gibt nur ſchlechte Erzieher.

Wir haben gerade bei dem Abſchnitt über die Philoſophie in V. Hugos Werken länger verweilt, um zu zeigen, in welcher Art Guyau dieſen ſeinen Lieblingsdichter für ſeine äſthetiſche Theorie zu verwerten ſucht. Weil bei V. Hugo, den er für die bedeutendſte Erſcheinung der neueren franzöſiſchen Litteratur hält, philoſophiſche und ſoziale Ideen Eingang in die Poeſie gefunden haben, meint Guyau, müſſe die Poeſie überhaupt demgemäß verfahren und philo⸗ ſophiſch werden. Die notwendige Folge wäre, daß die Kunſt ten⸗ denziös würde, daß ſie nicht mehr Kunſt um der Kunſt willen wäre, ſondern ein Mittel, einen moraliſchen und ſozialen Zweck zu er⸗ füllen. Das aber war Guyaus Ideal; er weiſt der Kunſt eine moraliſche und ſoziale Miſſion zu ¹), und V. Hugo wäre der Typus dieſer höchſten Poeſie geworden, wenn ihn nicht ſeine Fehler ge⸗ hindert hätten, dieſes Ziel zu erreichen.S'il avait pu avoir, sans préjudice pour son imagination même, une plus complète éducation scientifique et plus de raison politique, il eut réalisé le type de la plus haute poésie: celle ouùð toutes les idées métaphysiques, religieuses, morales et sociales, prennent vie et se meuvent sous les yeux, parlent tout ensemble à l'oreille et au coeur. La mission sociale de la poésie est à ce prix. Les qualités est les

1) Vgl. das Schlußkapitel Rôle moral et social de l'art.