Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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Alfred de Muſſets dagegen nicht tief und eindringend genug. Was hätte Guyau aus ihm nicht alles gerade für ſeine Lehre vom Genie entnehmen können, aus ihm, deſſen ganzes Leben und künſtleriſche Entwicklung nebſt ſeinem Zuſammenbruch doch nur eine Folge des Milieus iſt, von dem er ſich eben nicht frei machen konnte!

Inſofern nun Guyau unter Kunſt lediglich die Poeſie, ins⸗ beſondere die des 19. Jahrhunderts, verſteht, betrachtet er dieſe Epoche der litterariſchen Geſchichte in Frankreich unter dem Geſichtspunkt der künſtleriſchen Entwicklung mit Berückſichtigung der philo⸗ ſophiſchen Ideen, die in dieſer Zeit in die Dichtwerke Eingang fanden. An die Spitze, gleichſam als Ausgangspunkt, der neueren franzöſiſchen Litteratur ſetzt er Rouſſeau, der das Verſtändnis der Natur an⸗ bahnte und mit ihm eine glühende Liebe zur Freiheit verband. Das Naturgefühl und die Freiheitsliebe ſind nach Guyau die Grund⸗ lage der franzöſiſchen Litteratur des 19. Jahrhunderts, die auf der Suche nach der Schilderung eines weniger konventionellen Geſell⸗ ſchaftszuſtandes die Natur zum Milieu des Geſchehens machte. Auf dieſe Weiſe ſchlägt Guyau in feiner Weiſe die Brücke zwiſchen Rouſſeau und Bernardin de Saint Pierre, Chateaubriand und Lamartine einer⸗ und Flaubert, Zola und Pierre Loti andererſeits.

Guyau bekennt ſich offen als Gegner der Romantiker; er be⸗ fürwortet die Einführung wiſſenſchaftlicher Ideen in die Poeſie, wie ihn ja auch das Verhältnis zwiſchen Kunſt und Wiſſenſchaft immer wieder beſchäftigte und zu erneutem Denken antrieb. Er ſieht das Charakteriſtiſche der modernen Litteratur in dem allmäh⸗ lichen Ueberhandnehmen philoſophiſcher Ideen in ihr. Er hält die beiden Theorien, wonach einmal die Kunſt nur um ihrer ſelbſt willen da iſt, andererſeits aber auch eine moraliſche und ſoziale Aufgabe hat, in gleicher Weiſe für richtig. Er verlangt von dem Dichter, daß er eine Ueberzeugung habe, wodurch ſein Denken gerade eine gewiſſe Einheitlichkeit erhalte.

Wir ſehen, wie Guyau hier einen bedeutenden Anlauf nimmt, zum AÄſthetiker des Realismus zu werden. Denn was heißt ihm Realismus für den er ſo ungenau und unrichtig wie möglich auch oft den Ausdruck Naturalismns gebraucht anderes als die auf die Litteratur angewandte Wiſſenſchaft, inſofern ſein Zweck die Wahrheit, ſeine Methode Beobachtung und Erfah⸗