Aufsatz 
Guyaus soziologische Ästhetik : 1. Teil. Einleitung und Darstellung der Prinzipien / von Heinrich Willenbücher
Entstehung
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weiteres aufdrängen, nämlich ſeine Auffaſſung von dem, was Kunſt iſt. Man würde irren, wollte man annehmen, er meine unter Kunſt die Künſte in ihrer Geſamtheit. Für ihn iſt Kunſt lediglich die Poeſie, und auch dieſe nur, inſofern man in ihr die Entwickelung der franzöſiſchen Litteratur des 19. Jahrh. erblickt. Architektur, Muſik, Malerei und Skulptur werden nur da berückſichtigt, wo der Gedanke an ſie unvermeidlich war. Daß unter dem Zwange dieſer Auf⸗ faſſung Guyaus Anſichten der Einſeitigkeit unterworfen ſind, liegt auf der Hand, zumal es ihm darauf ankommt, die ſoziale Seite der Dichtwerke zum Maßſtab ſeines Kunſturteils zu machen. Daß ſich dabei geiſtreiche Bemerkungen und treffende Urteile finden, erſcheint bei einem ſo beleſenen und künſtleriſch empfindenden Schrift⸗ ſteller, wie Guyau es iſt, ſelbſtverſtändlich. Erinnert ſei hier nur, um ein Beiſpiel anzuführen, an ſeine Lehre vom Weſen des Romans, deſſen ſociologiſche Bedeutung er darin erkennt, daß er Handlungen erzählt und analyſiert in Beziehung zu dem Charakter und dem ſozialen Milieu, in dem ſie in die Erſcheinung treten. Er unterſucht das Verhältnis zwiſchen Roman und Geſchichte, fragt nach der Be⸗ deutung des Charakters in dem Roman, erklärt die Beziehungen zwiſchen den einzelnen Szenen eines Romans, der ſich ihm als eine ununterbrochene Kette von Ereigniſſen darſtellt, die ſich aneinander fügen und ſchließlich ein letztes Ereignis zum Zielpunkt haben. Charakteriſtiſch erſcheint ihm für den Roman die moraliſche Kataſtrophe, worunter Guyau diejenigen Szenen verſteht, in denen kein wichtiges Ereignis in ſichtbarer Weiſe ſich ereignet, wo man aber trotzdem die ſeeliſchen Schmerzen der betreffenden Perſon wahrnehmen kann. Die äußeren Anzeichen erſcheinen hier nur als die empiriſchen Mittel, die innere Kataſtrophe zu ermeſſen. In⸗ ſofern aber dem Roman kein Mittel verſagt iſt, ſteht er als Kunſt⸗ gattung über dem Drama.

Es kann nun nicht Aufgabe dieſer kurzen Einleitung ſein, die litterarhiſtoriſchen Urteile Guyaus einer näheren Kritik zu unter⸗ ziehen. Neben vielem Richtigen, von einem feinen Verſtändnis Eingegebenem, wird man auch hier gar oft auf Bemerkungen und Anſichten treffen, denen man kaum wird beiſtimmen können, da ſie zu ſehr von der Tendenz, der das Werk unterworfen iſt, beherrſcht ſind. So iſt z. B. ſeine Behandlung V. Hugos zu einſeitig, die