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ſie in mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu der Geſellſchaft, der Menſchheit, tritt. Wie die Moral und die Religion zeigt auch die Kunſt ſoziologiſchen Charakter. Guyaus Philoſophie trachtet darnach, das geſamte Reale durch die ſoziologiſche Syntheſe des Individuums und der Welt und die evolutioniſtiſche der vergangenen und zukünftigen Zeiten, d. h. durch das Leben zu umfaſſen ¹). Eine ſolche ſoziologiſche Äſthetik will uns Guyau in ſeinem Werk L'art au point de vue sociologique, Paris, F. Alcan, 1889. 4 Aufl. 1897 geben. Dem frühverſtorbenen Verfaſſer — Guyau erreichte ein Alter von nur 33 Jahren—, der in ſeltener Fruchtbarkeit Kunſt, Moral und Religion in das Bereich ſeines Denkens gezogen hatte, war es nicht mehr vergönnt, das Werk ſelbſt herauszugeben. Die Ausgabe, von einer Vorrede ge⸗ leitet, beſorgte nach ſeinem Tod ſein Oheim und Lehrer Alfred Fouillée, den wir auch als den geiſtigen Urheber all der Gedanken anſehen dürfen, die die wiſſenſchaftliche Spekulation Guyaus in ſo überreichem Maße gezeitigt hat. Um von dieſer Thätigkeit nur an⸗ nähernd ein Bild zu geben, mögen hier die Werke genannt ſein, die von ſeiner Hand erſchienen ſind. Auf dem Gebiete der Äſthetik die bereits oben genannten Problèmes; die Moral behandelte: La Morale d' Epicure et ses rapports avec les doctrines contem- poraines.— La Morale anglaise contemporaine.— Heredité et éducation.— Seine religionsphiloſophiſchen Anſichten legte Guyau nieder in dem Werk L'irreligion de l'avenir, étude de sociologie. Dichteriſchen Ausdruck gab er ſeinen Gedanken in den Vers d'un philosophe. Vgl. über Guyaus Leben und Wirken das Buch Fouillées la Morale, l'Art et la Religion selon Guyau. Paris, Alcan, 3. Aufl. 1897. Einen Auszug aus dem Fouillée'ſchen Buch, ſoweit es Guyau's Leben betrifft, gibt E. Carlebach, Guyaus metaphyſiſche Anſchauungen. Diſſ. Würzb. 1896. Zur Äſthetik Guyaus vgl. außer dem ſchon genannten Werke Fouillées Dauriac, l'esthétique de Guyau in Année philosophique ed. Pillon I., 1890. S. 191— 225 und meine oben citierte Arbeit.
Treten wir nun an Guyau's Werk, in dem er ſeine ſoziologiſche Äſthetik niedergelegt hat, heran, ſo wird ſich uns eine Bemerkung ohne
1) Vg!. Ueberweg— Heinze, Geſch. der Philoſophie III, 2. S. 337.(8. Aufl. 1897.)


