A.
Einleitung.
„O⸗ Menſch ſpielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Menſch iſt, und er iſt nur da ganz Menſch, wo
er ſpielt.“ Mit dieſen Worten hatte Schiller im 15. ſeiner„Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen“ einen der Hauptſätze der neueren Äſthetik ausgeſprochen. Niemand wußte beſſer als Schiller ſelbſt, wie ſehr dieſer Satz Mißverſtändniſſen und Mißdeutungen ausgeſetzt ſein könnte und ſuchte ſich deshalb an derſelben Stelle vor ſolchen zu ſchützen, indem er darauf hin⸗ wies, daß man den Begriff des Spiels in dieſem Zuſammenhang nicht in dem alltäglichen Sinne nehmen dürfe, ſondern in einem idealen, den der Menſch in allen ſeinen Spielen vor Augen haben ſolle. Von den an der betreffenden Stelle von Schiller aus⸗ geſprochenen Gedanken ging Guyau aus in ſeinem Werk Les problèmes de l'esthétique contemporaine¹) und ſetzte jenem Schiller'ſchen Ausſpruch den anderen gegenüber:„Der Menſch iſt nur vollkommen, wo er arbeitet“. Wie ſehr Guyau Schillers Worte, trotz deſſen eindringlicher Warnung vor oberflächlicher Auf⸗ faſſung, mißverſtanden hat, habe ich an anderer Stelle hervor⸗ gehoben. ²) Indem Guyau den Begriff der Zweckmäßigkeit in ſeinem ganzen Umfange für die Äſthetik in Anſpruch nahm, ſo daß ein künſtleriſches Schaffen für ihn äſthetiſch wertvoll erſt dann wird, wenn es ſich durch einen vernünftigen Zweck recht⸗ fertigen läßt, hatte er bereits den Schritt zu einer äſthetiſchen Theorie gethan, die die Kunſt und die künſtleriſche Thätigkeit als eine ſolche im wahrſten Sinne des Wortes nur anerkennt, wenn
1) Guyau, Les problèmes de l'esthétique contemporaine, Paris, F. Alcan. 4. Aufl. 1897.
2) Vgl. meine Arbeit: J. M. Guyaus Princip des Schönen und der Kunſt. Diſſ. Erl. 1899.


