Aufsatz 
Vortrag zur Begrüßung der elften Versammlung mittelrheinischer Philologen und Schulmänner zu Worms am 7. Juni 1870
Entstehung
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ſchule erſt 1852 mit drei, dann 1855 mit vier, endlich 1868 mit fünf reſp. ſechs einjährigen Klaſſen entſtand, nachdem durch die im Jahre 1852 höheren Orts verfügte Organiſation die ſeit 1842 erreichten ſechs Hauptklaſſen des Gymnaſiums wieder zu vier zweijährigen Klaſſen reduciert worden waren..

Sollte das Gymnaſium künftig den Schweſteranſtalten des In⸗ und Auslandes auf die Dauer ebenbürtig bleiben: ſo waren abermalige Schritte und Bemühungen nöthig, um es wiederum auf den Standpunkt von ſechs Hauptklaſſen zu heben. Und nach mehrfachen Verhandlungen hat das Gymnaſium, wie bereits erwähnt ward, dieſes Ziel in jüngſter Zeit abermals erreicht, Dank der Fürſorge der hohen und höchſten Behörden, Dank den abermaligen liberalen Zuſchüſſen des Staates und der Stadt, jedoch unter der Bedingung, daß auch die Realſchule zu einem ſechsjährigen Curſus, d. h. zu einer Realſchule zweiter Klaſſe, ausgebaut werde, unter dem Verbleiben in demſelben Locale und derſelben Direction.*)

Nach dieſen flüchtigen Andeutungen muß es jedem von Ihnen, beſonders aber einem, der dieſe verſchiedenen Wandlungen durchlebt hat, merkwürdig genug, um nicht zu ſagen wunderbar, erſcheinen, daß das hieſige Gymnaſium ſich bis jetzt erhalten hat, und nicht von der in und aus ihm entſtan⸗ denen und unter einem Dache mit ihm exiſtierenden Realſchule abſorbiert worden iſt. Aber die im Jahre 1829 mit drei zweijährigen Klaſſen und 66 Schülern verſehenelateiniſche Schule, das hieß damals: Gymnaſium zweiten Ranges, beſteht bereits ſeit 1833 bis heute noch als ebenbürtiges Gymnaſium mit zu dieſer Stunde amtlich erklärten ſechs Hauptklaſſen(neben einer aus ihm geborenen und contubernalen Realſchule von ſechs Jahrescurſen) und mit einer Gym⸗ naſial⸗Schülerzahl, welche noch die der Anſtalt, als ſie noch reines Gymnaſium war, um das Doppelte überſteigt, auch manchem reinen Gymnaſium ſonſtwo die Wage hält. Ja, das Wormſer Gymnaſium beſteht noch und wird hoffentlich auch fortbeſtehen, nachdem, Dank der Fürſorge hoher und höchſter Staatsbehörden und der Liberalität des Wormſer Gemeinderathes, die Lehrer⸗ beſoldungen reguliert und erhöht worden ſind, nachdem früher ſchon die Penſionierung der Lehrer aus der Staatskaſſe ſowie die Aufnahme in die Staatswittwenkaſſe erwirkt worden war, nachdem endlich in Folge einer andren Zeitſtrömung die Gymnaſial⸗Bildung wieder höhere Geltung auch in weiteren Kreiſen genommen hat, obwohl man ſich nicht verhehlen darf, daß der mit glücklichen Erfolgen gewerbthätige und das Rechnen verſtehende Rheinheſſe nicht in dem Grade zu academiſchen Studien eingenommen iſt, wie die Bewohner andrer von der Natur minder begünſtigten Länder. Auch hoffe ich zu Gott, daß das Wormſer Gymnaſium und die Wormſer Realſchule, ſeine nun ebenbürtige Tochter, auch künftig, wie bisher, zu gegenſeitigem Frommen friedlich neben einander fortbeſtehen, unter Erfüllung der Bedingungen, welche ich aus meiner unmaßgeblichen Erfahrung voriges Jahr bei einer ähnlichen Gelegenheit vorgetragen habe, und welche die etwaigen Intereſſenten von Ihnen in der vorjährigen Allg. Schulzeitung ſowie in unſerem diesjährigen, in einer Anzahl von Exemplaren zu Dienſten ſtehenden Programme abgedruckt finden. Daß das Wormſer Gym⸗ naſium nicht nur beſteht ſondern auch dauernd fortbeſtehen werde, dieſe Hoffnung beſiegelt mir auch, hochgeehrte Herrn und Collegen, Ihre heutige Verſammlung in Worms. Wenn ich und meine Mitarbeiter in den letzten 41 Jahren darnach ſtrebten, das Wormſer Gymnaſium nicht nur durch münd liche Lehrthätigkeit den verwandten Lehranſtalten ebenbürtig zu machen und zu

*) Ueber das Geſchichtliche ſ.Gutachten des Großh. Gymnaſial⸗Directors Dr. Wilhelm Wiegand zu Worms über eine andere Organiſation des Gymnaſiums daſelbſt ꝛc., Worms 1865, S. 111.