Aufsatz 
Vortrag zur Begrüßung der elften Versammlung mittelrheinischer Philologen und Schulmänner zu Worms am 7. Juni 1870
Entstehung
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erhalten, ſondern auch nach Kräften und nach Maßgabe der von unſrer Amtsthätigkeit erübrigten Zeit durch ſchriftliche, namentlich durch wiſſenſchaftliche Beigaben zum alljährlichen Pro⸗ gramme, die Anerkennung jener Ebenbürtigkeit auch in den ferneren Kreiſen der Gelehrten⸗Welt zu gewinnen: ſo ſehen wir heute durch Ihre Verſammlung dahier die Hoffnung unſeres Strebens freudig erfüllt. Und nun erſt, hochgeehrte Verſammlung, werden Sie das freudige Gefühl begreifen, in welchem ich Sie mit den Worten begrüßte: Intrate, et hic dei sunt. Sie haben ohne alles Zuthun unſrerſeits(denn da wir keine Pfingſtferien haben, ſo war uns der Beſuch Ihrer auf dieſe Zeit fallenden Verſammlungen ſelten geſtattet) Worms als den Ort Ihrer elften Verſamm⸗ lung gewählt, offenbar in dem Glauben und der Anerkennung, daß auch hier das heilige Feuer eines Ihrer Verſammlung würdigen Gymnaſiums unterhalten wird und leuchtet, und durch dieſe factiſche Anerkennung zeigen Sie Worms und ſeinen Bürgern, daß ihr Gymnaſium auch über der Grenze der Stadt und des Landes gekannt und gewürdigt wird. Cresco et exsulto et dis- cussa senectute recalesco, mit dieſen Worten Seneca's(ep. 34) begrüße ich Sie daher wieder⸗ holt und drücke Ihnen zugleich im Namen der Anſtalt und meiner Collegen den warmen Dank aus für Ihren unſerer Stadt und unſerem Gymnaſium zugedachten Beſuch, wie ich zugleich dieſe Gelegenheit ergreifen möchte, allen Behörden des Staates und der Stadt, ferner allen jetzigen und früheren Collegen, den verſtorbenen wie den noch lebenden, welche meinen guten Willen für die Wachhaltung jener heiligen Flamme durch ungünſtige und ſchwere Zeiten hindurch unterſtützten, eben⸗ falls den ſchuldigen Dank auszudrücken.

Um Ihnen, hochgeehrte Gäſte, nicht nur in Worten ſondern auch nach Kräften in der That dieſen Dank unſres Gymnaſiums auszudrücken, habe ich mir erlaubt, die Beigabe zum dies⸗ jährigen Programme, beſtehend in dem Reſte der von mir früher begonnenen Verdeutſchung des pla⸗ toniſchen Staates, Ihnen zugleich als Feſtgabe zu widmen, welches Geſchenk Sie hin⸗ nehmen wollen mit der Ihnen eigenen Humanität und Nachſicht ſowie im Sinne des ovidiſchen

Diſtichons: Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas,

Hac ego contentos auguror esse deos.

Der Gegenſtand wenigſtens, ſo dachte ich, iſt Ihrer Verſammelung nicht unwürdig. Rouſſeau, der Verfaſſer des Emil, hat die platoniſche Politie für das beſte Lehrbuch der Päda⸗ gogik erklärt; es mag darin, wie in vielen Sätzen dieſes Schriftſtellers, ein Paradoxon oder gar eine Uebertreibung zu liegen ſcheinen, aber ſo unglaublich es früher manchen ſchien oder jetzt noch ſcheinen mag, ich bekenne es vor dieſer hochachtbaren Verſammlung von Philologen und Pädagogen, daß die neben meiner Berufsarbeit der Lectüre des Plato gewidmeten Augenblicke es waren, welche neben meinem Blicke auf das Vorbild meines Heilandes in den mehrfach erlebten Zeiten⸗ und Parteien⸗Stürmen mich auf der Zinne über den Parteien hielten, Troſt in Widerwärtigkeiten und bei vorkommenden Kränkungen ſowie auch in dem mir beſchiedenen ganz beſonderen Schulleben jene pädagogiſche Beweglichkeit verliehen, welche mich an dem Beſuche einer ABC⸗Schule, einer Realſchule und einer oberen Gymnaſial⸗Klaſſe gleiches Intereſſe finden ließ. Plato hat nicht nur die erſte wiſſenſchaftliche Pädagogik, ſondern auch die allſeitigſte, d. h. eine auf jede Art des Alters und des Berufes anwendbare und die Jugendbildung ſelbſt zugleich ſchon als das Fundament des Staates hingeſtellt, von welchem alles Wohl und Weh desſelben abhängt. Wenn ſchon Plato den Re⸗ genten des Staates empfiehlt, die Hauptwacht ihrer Thätigkeit auf dem Gebiete der Jugenderziehung auf⸗