zu Worms am 7. Juni 1870. Von Dr. Wilhelm Wiegand.
Als vor dreißig Jahren(Herbſt 1839) die zu Mannheim verſammelten deutſchen Philologen und Schulmänner auch nach dem hiſtoriſch merkwürdigen alten Worms einen Ausflug machten: ſo wurden Viele unter ihnen, welche dasſelbe nur aus dem Gedichte der Nibelungen oder aus der Geſchichte der deutſchen Reichstage kannten, bei dem Anblicke dieſer ehemals ſo berühmten Stadt ſehr getäuſcht. Hatte ja doch dieſe ehemalige Rivalin von Köln ſeit 1689, d. h. ſeit ihrer gänz⸗ lichen Zerſtörung durch die franzöſiſchen Mordbrenner Melac's, ſich ſehr mühſam durch das Talent und den Fleiß ſeiner thätigen Bewohner wieder aus ihren Ruinen emporarbeiten müſſen; aber immer noch trug ſie damals die Spuren jener Zerſtörung ſowie nachheriger Kriegsſchädigung, weil bei allen bisherigen Wandlungen ihr das Glück wenig gelächelt hatte. Dazu kam der Unfall, daß die deutſchen Philologen bei ihrer Hierherkunft(mittels eines beſonderen Dampfſchiffes) hier am Ufer des Rheines von einem ſehr argen Gewitterregen empfangen wurden, was bei manchen jene getäuſchte Erwartung noch niederſchlagender machen mochte, ſo daß die Verſammlung wieder nach Mannheim zurückkehren wollte, ohne, wie es ſchien, irgend eine Notiz von dem Wormſer Gymnaſium nehmen zu wollen, das freilich erſt vor Kurzem das 1819 verlorene Exemtionsrecht wieder erhalten hatte, nachdem es aus dem Ueberbleibſel einer franzöſiſchen Secondär⸗Schule wieder nothdürftig mittels der damals ſpärlichen ſtädtiſchen Mittel im Jahr 1829 nach einem deutſchen Gymnaſial⸗Plane umgeſtaltet worden war. Der nun ſelige Geh. Rath und Prof. Friedrich Thierſch ruhmvollen Andenkens (geb. 1784, geſt. zu München 1860), mit A. v. Humboldt im Jahr 1837 einer der Hauptgründer der Philologen⸗Verſammlung Deutſchlands, und welcher im Jahr 1834 bei ſeinem Beſuche der höheren Schulen des weſtlichen Deutſchlands auch das hieſige eben erſt mit ſpärlichen Mitteln wieder hergeſtellte Gymnaſium beſucht und in ſeinem damals Aufſehen erregenden Schriftwerke über dieſe Beſuche im Ganzen wohlwollend beurtheilt hatte,*)— forderte da in gewohnter Beredſamkeit die gelehrte Geſellſchaft auf, vor ihrem Abſchiede von Worms noch ein Glas auf das künftige Wohlergehen des wieder aufſtrebenden Wormſer Gymnaſiums zu leeren, indem er ſeinen Toaſt mit den Worten begann: Intrate, et hic dei sunt! Mit dieſen Worten eines der ruhmvollſten Veteranen auf dem Felde der antiken Philologie und Gymnaſial⸗Pädagogik grüße ich Sie, hochzuverehrende Herren und Collegen, auf dem klaſſiſchen Boden der römiſchen urbs Vangionum, deren Urſprung und Name aber weit über die Zeit der Römerherrſchaft am Rheine reicht, bis in die Zeit des von der Erde verſchwundenen Celten⸗Volkes. Intrate, et hic dei sunt, was ich nach dem Vorgange
*) Ueber den gegenwärtigen Zuſtand des öffentl. Unterrichtes in den weſtl. Staaten von Deutſchland, in Holland, Frankreich und Belgien. Stuttgart und Tübingen 1838, Bd. I, S. 323.


