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im Gegentheil, falls einer eine Poeſie machte, in welcher ſolche Verſe vorkommen, wie die ſchlimmen Schickſale der Niobe, oder die der Söhne von Pelops, oder die von Troja, oder die von andren dergleichen: ſo muß man ſie entweder nicht als die Werke eines Gottes darſtellen laſſen, oder wenn als die eines Gottes, ſo muß man eine Darſtellungsweiſe erfinden, wie wir ſie etwa jetzt aufſuchen und ſich ſo aus⸗ drücken: das Walten des Gottes ſei gerecht und gut und den von ihm Gezüchtigten hätte es zum Heil gereicht. Eine Darſtellung aber, als wenn die Büßenden von ſchlimmem Geſchicke heimgeſucht wären, und offenbar dies das Werk eines Gottes ſei, dieſe darf man dem Dichter nicht geſtatten; wohl aber darf man es, wenn die Dichter ſagen würden, die Böſen hätten als durch die Laſt ihrer Sünden Gedrückte der Zuͤchtigung bedurft und durch das Erdulden der Strafe ſeien ſie von dem Gotte geheilt worden. Aber zu behaupteu, daß ein Gott, der nur gut ſein kann, bei irgend jemand die Urſache von Uebeln geworden ſei: dagegen muß man auf jede mögliche Weiſe kämpfen, damit weder jemand ſolche fabelhafte Erdichtungen in ſeinem Staate äußert, wenn er in einer guten Verfaſſung bleiben ſoll, noch jemand hört, weder jung noch alt, weder in Verſen noch in Proſa, in der Ueberzeugung, daß ſolche Aeußerungen, wenn ſie gemacht würden, erſtlich bei Gott nicht erlaubt, zweitens ein Unglück für uns Staatsgründer wären, drittens in ſich einen logiſchen Widerſpruch enthielten.— Da haſt du auch meine Stimme, verſetzte er hier, zu dieſem Geſetzes⸗ vorſchlag und meinen Beifall dazu.— Das wäre denn alſo einmal eines von den allgemeinen Geſetzen und Normen, in deren Schranken ſich Proſaiker und Dichter in Bezug auf die Götter ſich werden auszudrücken haben: nicht von allen Dingen iſt die Gottheit Urſache, ſondern nur von den guten.— Was wird aber deine Meinung von dem zweiten ſein? Kannſt du dir denken, daß ein Gott die Rolle eines Gauklers und die Eigenſchaft annehmen könne, gleichſam hinterliſtig bald in dieſer bald in jener Geſtalt zu erſcheinen, indem er bald in eigener Perſon erſcheint und mit ſeiner eigenen Geſtalt viele Wandlungen vornimmt, bald uns nur Trug⸗ und Blend⸗Erſcheinungen von ſich ſehen läßt, oder mußt du dir nur denken, daß die Gottheit einfach ſei und am allerwenigſten aus der ihr eigenthümlichen Ge⸗ ſtalt heraus tritt?— Ich habe in dieſem Augenblicke wenigſtens auf dieſe Frage ohne Weiteres keine Antwort.*)— Drum Acht gegeben auf folgende weitere Erklärung. Wenn irgend ein Weſen aus ſeiner eigenen Geſtalt heraustritt, muß da nicht logiſch nothwendig dieſe Verwandlung von ihm ſelbſt geſchehen, oder von einem andren?
*) Plato läßt uns hier und in dem Folgenden einen Blick in die damalige gebildete oder vielmehr geglättete vornehme Welt thun, wie noch ſelbſt da die Begriffe von der Gottheit waren, und welche Mühe er ſich zu geben hatte, ſeine reine Idee davon begreiflich zu machen. Die Sorratiker, namentlich Plato, der nicht ohne Urſache den Namen divinus hat, waren hierin Gehende im Lande der Hinkenden.


