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— Nothwendig.— Nicht wahr von einem andren, um dieſen Fall zuerſt zu nehmen, werden überhaupt die vollkommenen Dinge am wenigſten verändert, wie z. B. alle Mal der geſundeſte und ſtärkſte Körper von Speiſ' und Trank, Anſtrengungen ac., eben ſo alle Mal die ſo beſchaffene Pflanze von Sonnenhitze, Winden und ähnlichen Einflüſſen am wenigſten verändert werden?(381)— Allerdings.— Einen Geiſt aber gar,*) zumal den ſtärkſten und vernünftigſten(Gott), kann nicht auch den am wenigſten ein äußerer Einfluß erſchüttern oder verändern?— Ja.— Freillich, ſchon alle die körperlich zuſammengeſetzten Dinge ja, wie Hausgeräthe und Gebäulichkeiten, wenigſtens die gut gefertigten und vollkommenen, werden aus demſelben Grunde von der Zeit und andren Einflüſſen am wenigſten verändert.— Iſt bekanntlich ſo.— Ueberhaupt alſo alles Vollkommene, entweder durch Natur oder Kunſt oder durch beide, läßt am wenigſten die Umwandlung durch ein andres Ding zu?— Offenbar.— Nun aber iſt doch die Gottheit und alles, was ihr zukömmt, in jeder Beziehung vollkommen? — Verſteht ſich.— Nach dieſer logiſchen Schlußweiſe alſo wenigſtens dürfte die Gottheit am allerwenigſten vielfache Wandlungen annehmen.— Am allerwenigſten gewiß.—
20. Aber da iſt noch der andre Fall möglich: könnte nicht der Gott ſich ſelbſt verwandeln und verändern?— Ja ſicher, dafern er ſich überhaupt verändert.— Kann er ſich nun ins Beſſere und Schönere verwandeln oder ins Schlechtere und Häßlichere?— Logiſch nothwendig ins Schlechtere, vorausgeſetzt, daß er ſich ver⸗ ändern kann; denn wir können doch nicht ſagen, daß dem Gotte an Schönheit und Vollkommenheit noch etwas fehle.— Ganz richtig bemerkt, fuhr ich fort; und unter dieſer Bewandtniß, mein lieber Adimantus, ſcheint dir da wohl überhaupt jemand, ſei es Gott oder auch nur ein Menſch, ſich irgendwie ſchlechter machen zu wollen?— Unmöglich.— Folglich auch einem Gotte unmöglich, ſich freiwillig ſelbſt verändern zu wollen; im Gegentheil, nach der obigen Schlußfolge wird jedes vernünftige Weſen bei dem höchſten Grade von Schönheit und Vollkommenheit immer einfach bleiben, und zwar in ſeiner eigenthümlichen Geſtalt.— Abſolut logiſch nothwendig.— Keiner der Dichter, o Beſter, darf uns daher fabeln wie folgt:**)
„Die Götter, gleich Fremden aus allerlei Ländern, 1 „Kommen in allerlei Form und wandern durch Städte und Länder;“ keiner erdichtete Wandlungen dem Proteus und der Thetis***) nachſagen; keiner in Tragödien oder ſonſtigen Gedichten die Hera in Geſtalt einer Prieſterin vorführen, welche Almoſen bettelt „Für des Argos durchſtrömenden Inachus Söhne,” †) *) Das Gvνν neben buxezy, welches Hermann mit Stallbaum und Schneider aus demn Texte warf, iſt hier eben ſo gerechtfertigt, wie oben am Anfange des 4. Kap. nm **) Aus Odyſſen XVII, 485. 9 13a 9-1141f ***½) Den Meergottheiten wurden beſonders ſolche Verwandlungen zugeſchrieben. 1 †) Nach Valckenaer aus einer Tragödie des Aeſchylus oder Euripides.


