Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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lich, oder meinſt du? Es dünkt mich nicht. Wird demnach das, was nicht ſchädlich iſt, ſchaden? Keineswegs. Was aber nicht ſchadet, wird das was Böſes thun? Auch das nicht. Was aber gar nichts Böſes thut, das wird auch nicht ſchuld ſein an irgend etwas Ueblem? Wie denn möglich? Nun weiter Acht gege⸗ ben: iſt das Gute nützlich? Ja. Schuld alſo folgerecht nun von guten Folgen? Ja. Nicht alſo an allen möglichen Dingen iſt das Gute ſchuld, ſondern nur ſchuld an den guten Verhältniſſen, dagegen an den üblen unſchuldig. Vollkommen richtig. Dieweil, fuhr ich fort, der Gott offenbar gut iſt: ſo kann er logiſch folgerecht auch nicht die Urſache von allen möglichen Dingen ſein, wie die große Menge predigt, ſondern nur von gar wenigen Schickſalen in der Menſchenwelt iſt er Urſache, an den meiſten aber unſchuldig; denn der guten Geſchicke gibt es bei uns Menſchen viel weniger, als der ſchlimmen. Und von den guten darf man keine andre Urſache angeben(als Gott), von den ſchlimmen müſſen wir irgend welche andre Urſachen ſuchen, aber nicht die Gottheit. Lauter Wahrheiten ſcheinſt du mir zu be⸗ haupten. Dieſem logiſchen Schluſſe zufolge werden wir es alſo weder von Homer noch von einem andren Dichter hinnehmen, wenn er gegen die Götter ſo gedankenlos in dieſer Beziehung ſündigt und ſagt,*) wie zwei Fäſſer ſtehen an der Schwelle Jupiter's,

Voll das eine von Gaben des Weh's, das andre des Heiles; und wem nun Zeus eine Miſchung von beiden gebe,

Solchen trifft abwechſelnd ein böſes Loos und ein gutes; wem aber nicht, ſondern wenn er ohne Milderung bloß aus dem einen gebe

Dieſen verfolgt herznagende Noth auf der heiligen Erde.

Ferner werden wir es auch nicht im Worte hinnehmen, wie Zeus uns der Spenderdes Guten und Böſen ſei.

19. Fünftens wenn in Betreff der Verletzung der Eide und Verträge, wie ſie Pandarus begieng, einer ſagen ſollte, daß es durch Athene oder Zeus geſchehen ſei,**) ſo werden wir keine Lobrede darüber halten; nicht, wenn er ſagte, daßder Götter Streit und Entſcheidung durch Themis und Zeus geſchehen;***) eben ſo wer⸗ den wir ferner nicht die jungen Wehrmänner die Ausdrücke des Aeſchylus) hören laſſen, wenn er ſagt, daß

Ein Gott die Menſchen ſchuldig werden läßt, Wenn er ein Haus von Grund zerſtören will;

*) Il. XXIV, 527 ff., wo der jetzige Text jedoch anders lautet. Auch die Worte am Ende dieſes Kap.:Spender des Guten u. Böſen, finden ſich nicht in dem jetzigen Homer.

**) Wie Homer Jl. IV, 69.

***) Il. XX, 4 ff., welcher Theil der Iliade als Götterkampf bekannt iſt. Auf der Seite der Griechen kämpfen Juno, Minerva, Neptun, Vulcan, Mercur, auf der der Trojaner Venus, Apollo, Diana, Latona, Mars, Scamander.

) Vermuthlich aus deſſen verlorener Tragödie Niobe. 3*