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ihre Verwandten und Angehörigen vorfabeln und ausmalen. Im Gegentheil, wenn wir ſie irgendwie überzeugen wollen, daß kein echter Bürger jemals mit ſeinem Mit⸗ bürger in Feindſchaft gerieth, und daß dies von jeher für eine Sünde gegen Gott und die Menſchen gehalten werde: ſo müſſen eher Fabeln in dieſem Sinne erſtlich nicht nur Großväter und Großmütter, ſondern überhaupt reifere Leute den Jungen gleich erzählen, und zweitens müſſen wir auch die Dichter anhalten, nach der Richtſchnur dieſer Abſicht ihre Sagen zu dichten. Viertens die Knebeleien der Hera durch ihren Sohn,*) die Sagen vom Herabwerfen des Hephäſtus durch ſeinen Vater, weil er ſeiner Mutter die Prügel abhalten wollte,**) und alle die Götter⸗Balgereien, wie ſie Homer in ſeinen Gedichten darſtellt, dürfen nicht in unſeren Staat aufgenommen werden, weder wenn ſie mit einem verborgenen Sinne, noch wenn ſie ohne einen ſolchen dargeſtellt ſind; denn der Junge vermag nicht zu beurtheilen, was ein ver⸗ borgener Sinn iſt, und was nicht; ſondern welche üble Eindrücke er in ſolchem Alter in ſeine Anſchauungen aufgenommen hat, die werden gerne unauslöſchlich und unver⸗ änderlich. Dieſer Gründe wegen alſo müſſen wir es gewiß für unſre allerhöchſte Aufgabe halten, daß ſie in Abſicht auf Tugend möglichſt ſchöne Erzählungen in mythi⸗ ſchem Gewande hören, welche ſie zuerſt zu hören bekommen.
18. Recht, verſetzte er hier, denn es hat ſeine vernünftige Begründung, aber wenn jemand weiter dieſe zwei Fragen vorlegen würde, erſtlich welches hiefür die moraliſchen Beſtimmungen, zweitens, welches die von uns gemeinten mythiſchen Er⸗ zählungen ſeien: welche würden wir da angeben?— Darauf gab ich dieſe Antwort: mein lieber Adimantus, ich und du ſind in dieſem Augenblicke keine Dichter,(379) ſondern Staatsgründer. Staatsgründern aber kömmt es zu, zwar die allgemeinen moraliſchen Normen zu wiſſen, nach welchen die Dichter ihre mythiſchen Erzählungen für die Jugend dichten ſollen, und wenn dieſe denſelben zuwider dichten, dies ihnen nicht zu geſtatten, ſelbſt jedoch Mythen zu dichten das brauchen ſie doch wahrlich nicht! — Ganz verſtändig, erwiderte er; aber eben die von dir vorhin erwähnten allgemeinen moraliſchen Normen in Bezug auf die Art und Weiſe von einer Gottheit zu ſprechen, welches würden denn wohl dieſe ſein?— Folgende wohl etwa: das Weſenhafteſte einer Gottheit muß ja wohl ſelbſtverſtändlich dargeſtellt werden, ſei es in einem Hel⸗ dengedicht oder in einem Schauſpiel.— Ja freilich.— Nicht wahr, das Weſenhafteſte einer Gottheit iſt doch nun, daß ſie gut iſt, und dies hat auch die Sprache auszudrücken? Ohne Zweifel.— Ferner, ſonſt gar nichts von den Dingen, die gut heißen, iſt ſchäd⸗
“*¹) Bei Homer wird Hera(Juno) auch gefeſſelt, aber nicht von ihrem Sohne. Plato bezieht ſich hier auf eine andre Tradition, welcher Pindar in einem verlorenen Gedichte u. Epicharmus in einem Drama Hephäſtus gefolgt ſind. Vrgl. Suidas u. d. W. Hera, Pauſanias I, 20 und Gryſar de Doriensium comoedia S. 237.
**) Ilias I, 590.


