Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

und was fur unſittliche Fabeldichtungen haſt du im Sinne? Erſtlich, antwortete ich, hat der die größte Unwahrheit über die wichtigſten Dinge gegen das ſittliche Ge⸗ fühl erdichtet, welcher ſagte,*) wie Uranos die Handlungen verrichtet habe, welche ihn Heſiod verüben läßt, und wie dann andrerſeits Kronos ſich an ihm gerächt habe;**) (378) zweitens die Handlungen des Kronos und die von ſeinem Sohne erduldeten Unbilden ſollten, ſelbſt wenn ſie wahr wären, nach meiner Ueberzeugung nicht ſo leicht⸗ ſinnig zu den Ohren unverſtändiger junger Leute gebracht, ſondern am beſten ver⸗ ſchwiegen werden; wenn ſie aber einer unumgänglich nothwendig zu erzählen hätte, dürften ſie nur möglichſt wenige als ein heiliges Geheimniß vernehmen, nachdem ſie nicht nur ein junges Schwein, ſondern ein großes und faſt unmögliches Opfer ge⸗ bracht hätten,***) damit es äußerſt wenigen gelänge, ſie zu hören. Freilich, ver⸗ ſetzte er, ſind dieſe Sagen einmal widerwärtig. Und dazu, fuhr ich fort, in unſerem Staate gar nicht zu erzählen, mein lieber Adimantus, und auch nicht vor den Ohren eines Jungen laut werden zu laſſen, wie er durch Verübung der größten Ungerechtigkeiten ſowie andrerſeits bei einer auf jede Weiſe unternommenen Züchtigung ſeines Vaters für die von ihm erlittenen Kränkungen gar nichts Auffallendes thue, ſondern nur das, was die erſten und größten Götter verübt hätten. Nein, bei Gott, auch mir ſelbſt ſcheinen das keine paſſende Dinge zum Erzählen zu ſein. Und dazu, fuhr ich fort, auch uͤberhaupt und uͤberall unpaſſend zu erzählen, wie Goͤtter mit Göttern Krieg führen, einander nachſtellen und bekämpfen, dafern, von der Unwahrheit ſolcher Erzählungen abgeſehen, unſere künftige Staatswächter aus⸗ gemachter Maßen es für die größte Schande halten ſollen, leicht mit einander in Feindſchaft zu gerathen; bei Leibe darf man ihnen daher drittens nicht Giganten⸗ Schlachtennicht andre vielen und vielfachen Fehden der Götter und Halbgötter gegen

*) Rechtfertigung der Auffaſſung dieſer Stelle in meiner Aehrenleſe ec. a. a. O.

S. Heſiod's Theogonie, 154 u. 459. Nach dieſen(phyſiſchen) Mythen erzeugte Uranos (Himmel) mit der Erde mehrere Söhne, Uranos barg jeden bei der Geburt in das Innere der Mutter; dieſe darüber aufgebracht, gebar einen Diamant, machte daraus eine Hippe und forderte einen ihrer Söhne zur Rache auf; Kronos(Zeit) entmannte den Vater und folgte in der Regierung. Des Kronos Thaten und Leiden beſtanden darin, daß er die Kinder aufzehrte, welche ihm Rhea gebar, und daß er von ſeinem Sohne Zeus, durch Liſt der Mutter erhalten, bekriegt und gefeſſelt wurde. Dieſe u. dergl. Mythen hatten unſprünglich einen phyſiſchen oder hiſtoriſchen inneren Sinn, waren aber durch die Dichter ſo menſchlich und ſinnlich ausgeſponnen, daß jener innere Sinn, wie unten Plato richtig bemerkte, verloren gieng, und die äußere Einhüllung desſelben für Unmün⸗ dige anſtößig wurde. Die dichteriſche Gabe, d. h. die Gabe der ſinnlich anſchaulichen Darſtellung, kann zu jeder Zeit eben ſo verderblich wie nützlich werden, je machdem der Gegenſtand derſelben iſt. Schiller bekämpfte mit Recht dieſchmutzigen Muſen.

***) Wer in die eleuſiniſchen Geheimniſſe eingeweiht werden wollte, mußte zuvor ein Schwein opfern, welches wohl aus demſelben Grunde das Opfer der Demeter(Ceres) war, aus welchem der Bock das des Dionyſos(Bacchus).

3