—-— 32—
Ganzen genommen Erdichtung, obgleich auch Wahrheiten darin enthalten ſind. Früher aber macht man bei den Kleinen Gebrauch mit Fabeln, als mit gymnaſtiſchen Uebungen. — Iſt ſo.— Das eben wollte ich vorhin ſagen mit den Worten: die muſiſche oder humaniſtiſche Bildung müßte früher in die Hand genommen werden, als die gymnaſtiſche.— Ja vernünftiger Weiſe, verſetzte er.— Nicht wahr, du weißt da nun, daß der Anfang bei jedem Unternehmen ſehr wichtig iſt, beſon⸗ ders bei einem jungen und zarten Weſen, ſei es Thier oder Menſch? Denn bekannt⸗ lich läßt ſich zu dieſer Zeit am Beſten das Gepräge der Seele formen und annehmen, welches einer einem jeden aufdrücken will.— Ja das einmal iſt ſicher.— Sollen wir es alſo nun leicht hingehen laſſen, daß unſere iungen Leute die nächſten beſten fabel⸗ haften Dichtungen von den nächſten beſten Dichtern anhören und dadurch ſolche An⸗ ſichten einſaugen, welche denen ſchnurſtracks entgegen ſind, welche ſie im gereiften Alter nach unſerem Dafürhalten werden haben ſollen?— Nein, das werden wir auf gar keinen Fall thun.— Da werden wir denn offenbar zuerſt eine Cenſur für die Fabel⸗ und Mythen⸗Dichter einführen und die ſittliche Poeſie von ihnen muß ausgeleſen, die unſittliche aber ausgeſchieden werden. Die auserleſene werden wir die Ammen und Mütter den Knaben erzählen laſſen und die Bildung ihrer Seelen durch dieſe ſchönen Dichtungen viel eher empfehlen, als die ihrer Leiber durch den Druck der Hände;*) die meiſten aber der Fabeln, welche man heut' zu Tage erzählt, müſſen verbannt werden.— Welche denn? fragte er.— In den größeren(unſitt⸗ lichen) Fabeldichtungen, verſetzte ich, werden wir auch die kleineren(unſittlichen) erblicken; denn es ſollen doch natürlich dasſelbe ſittliche Gepräge und dieſelbe ſittliche Wirkung haben ſowohl die größeren wie die kleineren Dichtungen, oder glaubſt du nicht?— Ich einmal, verſetzte er; aber ich ſehe gar nicht ein, welche du da unter den grö⸗ ßeren Fabeldichtungen verſtehſt.— Welche Heſiod, Homer und andre Dichter uns erzählten; dieſe haben nämlich Fabeln componiert, welche in den Augen der Menſchen lügenhafte Erdichtungen ſind, erzählten ſie dann und erzählen ſie noch.— Welche denn und was haſt du an ſelbigen zu tadeln?— Gerade das, antwortete ich, was man zuerſt und am meiſten tadeln muß, beſonders falls einer eine unſittliche Erdich⸗ tung machte.— Und worin beſteht dieſe Unſittlichkeit?— Falls einer in ſeiner Dar⸗ ſtellung in Bezug auf die Eigenſchaften der Götter und Halbgötter unſittliche Bilder gebrauchte, gerade wie wenn ein Maler Fratzen von den Perſonen malte, von denen er Porträte liefern wollte.— Freilich, verſetzte er, iſt es ganz vernünftig, ſolche Ausſchweifungen der Phantaſie zu tadeln; aber welche Beziehung bei dieſer Anſicht
zeichnet im Deutſchen auch eine Sage, welche bildlich eine Wahrheit in ſich enthält, d. h. den Be⸗ griff der Mythe. Vrgl. Creuzer's Symb. I, S. 58. 1 *) Alle Ausleger ſchweigen über dieſe etwas aſiatiſche Sitte der Griechen.


