Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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lange Cultur⸗Geſchichte überlieferte?*) Es beſteht aber dieſe wohl theils in der Bildung für den Leib, welche unter dem Namen gym naſtiſche, und in der für die Seele, welche unter dem der muſiſchen**)(oder humaniſtiſchen) bekannt iſt. Ja freilich. Wollen wir nun nicht früher mit der muſiſchen Bildung be⸗ ginnen, als mit der gymnaſtiſchen? Warum denn nicht? Wenn du aber von muſiſcher Bildung ſprichſt, ſo rechneſt du darunter auch Literatur, oder nicht? Ja ich einmal. In der Literatur gibt es aber zweierlei Fächer: erſtens die wahre und zweitens die erdichtete. Ja. Und der jugendliche Geiſt muß mittels (277) beider gebildet werden, zuerſt aber mittels der erdichteten?***) Ich weiß nicht, was du damit ſagen willſt. Weißt du nicht, fuhr ich fort, daß zuerſt wir den jungen Leutchen Fabeln) erzählen? Dieſer Zweig von Literatur iſt aber im

gedichtes: Julius oder Pilgerfahrt eines Jünglings; Was heißt Erziehung? Heiligſte der Fragen, Die Sphinx verderbt, wenn Löſung nicht gelingt.

Den Knoten zu zerhau n, wer dürft' es wagen?

Doch dreimal weh, wenn ihr die Frag' umgieng't!

Denn hat Erziehung ſich verirrt, was bringen

Talent und Schätze noch? Sie werden Schlingen.

Drob währt der Zank ſeit Adam. Ihn zu ſchlichten

Hält ſchwer. Denn welch ein vielgefärbter Dunſt

Ümhüllt das Ding?... Dergleichen Theorien ſind Eudoren 3 (So heißt mein Greis) was Sternendeuterei

Und Alchymie.

*) Ein immer noch guter Wink für alle Zeiten und Menſchen, welche in der Erfindung neuer Unterrichts⸗ und Erziehungs⸗Methoden das Heil der Welt erblicken! Herder ſagt ungefähr in ſeinen Ideen zur Geſchichte der Menſchheit etwa mit den Worten: Unſere ganze Bildung iſt Tradition. Doch darf das Alte nicht ſein ohne Geiſt, wie das Neue nicht ohne ſolide, hiſtoriſche Grundlage.

**) Ueber die Pedrubun des hier im weiteſten Sinne gebrauchten Wortes 110 ν0 ſ. Wachs⸗ muth a. a. O. II, 2, S. 66, wo es mit Berückſichtigung unſerer Stelle heißt:Die politiſchen Theoretiker haben zur Bezeichnung des Theiles der öffentl. Zucht, welcher das Geiſtige(die edapxla) zum Gegenſtande hat, das Wort Muſik gebraucht und dieſe als Coordinat von Gym⸗ naſtik aufgeſtellt. Muſik war dem Hellenen überhaupt, der ſich dabei gerne des Wurzelwortes, Muſa erinnern mochte, was bei uns nicht in gleichem Maße der Fall ſein kann, mehr als Ton⸗ kunſt; die geſammte Bildung des Geiſtes, nicht ſowohl nach dem Inbegriffe des Wiſſens geſchätzt, als nach Haltung, Stimmung und Ton des Geiſtes, mod ern etwa Humanitäts⸗ bildung zu nennen. Hiemit vergl. Körner's Brevis de vocabili uOν⁶ακ cognatorumque eius- dem generis verborum apud Platonem vi et potestate disputatio, Olsnae, 1827, wonach das Wort vier Bedeutungen hat: 1) Muſik in unſerem heutigen Sinne, 2) Muſik und Poeſie, welche bei den Griechen nie getrennt waren, 3) ſoviel als studia humanitatis oder artes liberales, 4) die höhere geiſtige Bildung oder Philoſophie.

***) Das gr. Wort bedeutet ſowohl Erdichtung als Lüge, daher die Behauptung im Griechiſchen noch auffallender klingt.

) So überſetze ich hier das gr. Wort Mythe; denn Fabel in der weiteſten Bedeutung be⸗