Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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des Weſen? Oder haſt du noch nicht bemerkt, wie der Feuermuth etwas Unbe⸗ kämpf⸗ und Unbeſiegbares iſt, bei deſſen Vorhandenſein jede Seele gegen alle Arten von Gefahren furchtlos und unüberwindbar iſt? Ja. Hiemit wären alſo erſtlich die für einen Staatswächter nöthigen körperlichen Eigenſchaften klar. Ja wohl. Und zweitens auch die der Seele, daß er unbedingt feurigen Muth haben muß. Auch das. Wie, mein lieber Glauco, fuhr ich fort, ſoll es nun möglich werden, daß ſie nicht grauſam wild werden ſowohl gegen einander als auch gegen die übrigen Bürger, wenn ſie von Natur ſolche Hitzköpfe ſind? Bei Gott, erwiderte er, nicht leicht. Und doch ſollen ſie ja gegen die Leute ihres Landes ſanft, gegen die aus⸗ wärtigen Feinde heftig ſein; im entgegengeſetzten Falle brauchen ſie nicht zu warten, bis Fremde ſie niedermachen, ſondern ſie werden ſelbſt ihnen in dieſer Heldenthat zuvorkommen. Richtig, erwiderte er. Was ſollen wir nun anfangen? fragte ich weiter; wo können wir eine ſanfte und zugleich hochfeurige Sinnesart finden? Denn der feurig muthigen Natur iſt die ſanfte entgegengeſetzt. Stellt ſich ſo heraus. Aber wer einer von beiden Eigenſchaften ermangeln ſollte, der kann ja doch ein guter Wächter nicht werden; das ſieht wie eine Unmöglichkeit, und ſo wäre denn das Reſultat, daß es unmöglich einen guten Staatswächter geben könne. Scheint Gefahr. In dieſer Verlegenheit und nach einem Rückblicke auf das vorherige Gleichniß fuhr ich fort: Ganz mit Recht, mein Freund, haben wir uns feſtgefahren, weil wir das vorhin aufgeſtellte Bild verlaſſen haben. Wie meinſt du das? Wir haben eben nicht daran gedacht, daß es wirklich ſolche von uns für unmöglich gehaltene Geſchöpfe gibt, welche dieſe entgegengeſetzten Eigenſchaften haben. Wo denn? Man kann ſie überhaupt unter andren lebenden Weſen finden, beſonders aber unter dem Thier⸗ geſchlecht, welches wir mit dem Staatswächter verglichen. Du weißt ja doch wohl von den edlen Hunden,*) daß dies von Natur ihre Art iſt, gegen Hausgenoſſen und Bekannte möglichſt ſanft zu ſein, aber gegen Unbekannte das Gegentheil. Das weiß ich ja doch. Da haben wir alſo die Möglichkeit, und nicht naturwidrig verlangen wir, daß ſolche Eigenſchaft auch der Staatswächter habe. Offenbar nicht.

16. Scheint dir drum der künftige gute Staatswächter auch noch dieſer geiſtigen Eigenſchaft zu bedürfen, daß von Geburt aus zu der des Feuermuthes die der philoſophiſch**) forſchenden Wißbegierde tritt. Wie ſo denn? erwiderte er; denn deine Frage iſt mir unbegreiflich.(376) Auch dieſe Eigenſchaft kannſt an den

*) Wem dieſer Vergleich anſtößig ſcheinen möchte, der bedenke, daß die natürlichen Alten jeden natürlichen Vergleich für erlaubt hielten(castis omnia casta), und daß die Thiere, wie Herder ſich treffend ausdrückt, wenigſtens die Stiefgeſchwiſter des Menſchen ſind.

**) Das philoſophiſch hier wie auch ſonſt bei Plato in der urſprünglichen allgemeinſten Bedeutung von lernbegierig genommen wird, lehrt er gleich nachher ſelbſt. Die wiſſenſchaft⸗ liche Bedeutung hat es erſt bei Ariſtoteles, welcher zuerſt die Gebiete des Wiſſens ſtrenger trennte.