Aufsatz 
Das zweite Buch des platonischen Gottesstaates, oder: Plato's eigene Ansicht vom Wesen der Gerechtigkeit, ihre Nachweisung zunächst im Staate, Jugendbildung der künftigen Kriegs- und Staatsmänner, Kritik der Dichtungen und Mythen vom Standpunkte der Moral und der reinen Gottesbegiffe in Hinsicht auf die Erziehung / von Wilhelm Wiegand
Entstehung
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wenn er nicht eben dieſes Spiel von Jugend auf, ſondern nur als Nebenwerk betrieb?*) Ferner kann einer dadurch, daß er einen Schild oder ſonſt ein Stück der Kriegswaffen und Werkzeuge in die Hand nimmt, auf der Stelle ein tüchtiger Streiter in einer Schlacht von Schwerbewaffneten oder in einer andren in den Kriegsfällen vorkom⸗ menden Kampfart werden, während ſonſt gar kein in die Hand genommenes Werkzeug jemand ſchon dadurch zum Meiſter einer Profeſſion oder zum Meiſter auf dem Turn⸗ platze macht, auch ohne Nutzen dem iſt, welcher weder den jedesmaligen theoretiſchen Unterricht davon erhalten noch die gehörige praktiſche Uebung darauf verwendet hat? Ja da wären die Werkzeuge viel werth, war ſeine Antwort darauf.

15. Nicht war, fuhr ich fort, je hochwichtiger das Handwerk unſerer Staats⸗ wächter iſt, deſto mehr bedarf es erſtlich der Enthebung von den übrigen Geſchäften, und zweitens der Theorie und Praris? Ich wenigſtens glaube es, erwiderte er. Nicht wohl auch einer zu eben dieſem Berufe beſonders geeigneten Natur⸗Anlage? Allerdings. Unſere Aufgabe wäre es offenbar demnach, dafern wir es ver⸗ mögen, eine Auswahl zu treffen, welche und wie beſchaffene Köpfe zum Wächteramte eines Staates geeignet ſind. Ja freilich. Bei Gott, fuhr ich fort, da haben wir uns keine geringe Laſt aufgeladen; indeſſen aber dürfen wir nicht feige davor zurückſchrecken, ſoweit es wenigſtens unſere Kraft geſtatten mag.(375) Ja freilich nicht, erwiderte er. Glaubſt du denn ſonach etwa, fuhr ich fort, daß in Hinſicht auf Wachſamkeit zwiſchen der Natur eines Hundes von edler Race und der eines jungen Mannes von edlem Geſchlechte ein Unterſchied ſei? Was willſt du mit dieſer ſonderbaren Frage ſagen? Dies, daß jeder von beiden haben muß erſtlich Scharfblick zur Wahrnehmung, zweitens Behendigkeit zum Verfolgen des wahrgenommenen Gegenſtandes, drittens phyſiſche Kraft, wenn es gelten ſollte, den Gefangenen zu bekämpfen. Freilich, erwiderte er, ſind wirklich alle dieſe Eigen⸗ ſchaften nöthig. Viertens wohl doch auch Tapferkeit, wenn er im Kampfe gut beſtehen ſoll. Allerdings. Tapfer wird aber das nicht leicht ſein, was keinen feurigen Muth*s) hat, ſei es Pferd, Hund oder ſonſt ein beliebiges leben⸗

*) Die Wärme, mit welcher hier Plato gegen die allgemeine Volksbewaffnung ſpricht, ſcheint auch damals ſchon viele und ſehr feurige Vertheidiger derſelben vorauszuſetzen.

*) Feuer, feuriger Muth, hitzköpfig u. dergl. ſcheinen mir die gr. Wörter 9 ννιος u. 9 νει⁶ νσ beſſer auszudrücken, als Zornmuth, Leidenſchaft u. dergl. ſowohl hinſichtlich ihres Stammwortes (dAυo brennen, opfern) als auch hinſichtlich der antiken, von Plato beibehaltenen Eintheilung der Beſtandtheile der menſchlichen Seele. Dieſe(gr. oy, lat. animus in der erſten Bedeutung) be⸗ ſteht aus Vernunft u. Verſtand(16708), aus dem mehr oder minder muthigen Beſtrebungs⸗ vermögen(gr. 9 ι⁸, lat. animus in der zweiten Bedeutung) und aus den wilden Be⸗ gierden. Der 9 ννοςσ iſt gut oder böſe, je nachdem er die Wünſche der Vernunft oder der wilden Begierden ausführt. Einklang, Vollkommenheit oder wahre Tugend nur da, wo die Vernunft, mit dem Feuermuthe die Begierden zähmt und beherrſcht.